Auf dem Amt

Mit dem Auto umkreise ich den bröckelnden Bau, folge für einen Moment dem Parkplatzschild, sehe Zeitbegrenzung und Kosten, gondele in eine Einbahnstraße mit Holperpflaster, parke dort. In diesem Amt bin ich noch nie gewesen, und mein Versuch, über den rückwärtigen Parkplatz vorzudringen, scheitert kläglich. Ich finde einen Eingang für Rollstuhlfahrer, aber der Aufzug ist, so verkündet es ein im Wind wehender DIN-A-4-Zettel, wegen Reparatur geschlossen. Links und rechts nur Kellergänge. Man müsste sich als Hausmeister fühlen, um hier weiterzugehen. Ich kehre um, auf dem Parkplatz begrüßen sich Menschen in inniger Vertrautheit, das müssen die Beamten sein. Mit langen Schritten, ab und an ein paar nach vorn schnellende Zwischenhüpfer einbauend, um mir selbst den Anschein von Tempo zu geben, umrunde ich das Gebäude, nehmen die paar Stufen des Haupteingangs, gehe am Pförtnerkästchen vorbei – die Frau darin blickt ohnehin nicht auf, liest vielleicht oder surft –, durchmesse sehend das hohe Foyer und steige die rechte Treppe hinauf; Ja, dort prangt das Schild: Standesamt. Dies alles tue ich mit der Sicherheit eines bereits Dagewesenen, auch wenn es meine Freundin war, die hier, eine Woche zuvor, Schiffbruch erlitt beim Versuch, sich regelkonform in die Schlange der Wartenden einzureihen. Dass man, wenn die Vorgabe „ab acht“ lautet, nicht fünf nach acht da sein darf, dies ist die aus dem Vorfall zu ziehende Lehre. Wir werden später sehen, dass es auch Unbelehrbare gibt. Ich stehe also 07:20 Uhr vor dem Wartemarkenautomaten, der seine gedruckten Berechtigungen erst in 40 Minuten ausgeben wird, an fünfter Stelle. Alle paar Minuten wird ein neuer Wartender hinzugespült, tritt vielleicht vor den Automaten, erkennt die momentane Funktionslosigkeit, stellt sich dann in der Nähe auf. Der ersten Stummheit folgen die Gespräche über die Wartesituation, über die Heiratswilligkeit, über die Urkundenbeschaffung aus Botschaften ferner Länder, von Dorfältesten Kretas, von den Amerikanern. Nach Dänemark soll man, höre ich; Dänemark sei ein Heiratsparadies, das Las Vegas Europas und über alles seien die Dänen ja noch ein sehr nettes Völkchen. In Deutschland bekommt der, der Heiraten will, immerhin armdicke Äste zwischen die Beine geworfen … Die Uhr rückt vor, und auch ich gebe ein paar unpersönliche Statements zur Situation ab – was zum einen die Warteposition sichert und festigt (nur gemeinsam kann es gehen), zum anderen eine angenehme Entlastung bringt: Niemand will kurz nach sechs aufstehen, um dann klaglos zu warten, nach bevor es ans eigentliche Warten geht, und das alles bloß, weil der Personalschlüssel eines Amtes eine Unterbesetzung geradezu manisch einfordert. Die Grippe heißt es, und später: Nur einer von sechs Standesbeamten würde überhaupt arbeiten. Der kommt fünf vor acht, schaltet den Wartemarkenautomaten ein. Als das Windowslogo auf dem Bildschirm erscheint, brandet hysterisches Gelächter auf. Aber der Start geht gut und man reiht sich auf, zieht Marke um Marke, eine junge Frau stürzt von der Glastür her eilig hinzu, sie bekommt die Wartenummer 15, und dann ist der Eheanmeldungsknopf vom Bildschirm verschwunden. Nach der ersten kurzen Hochstimmung wird einem bewusst, dass man nun warten muss, dass noch längst nichts gewonnen ist. In diese Stimmungseintrübung platzen zwei Pärchen – gegelt, gelackt, schlank und schnittig –, die um 8 Uhr den Raum betreten und sich vor dem Wartemarkenautomat aufbauen. Der Finger des einen Mannes fährt nervös über den Bildschirm, dann zieht er Marken für die Bereiche: Beurkundung, Sterbefälle, Kinderanmeldung. Ein paar der Sitzenden weisen ihn auf den Ausgabestopp hin, der Standesbeamte schlurft mit einem Schild heran. Auf dem steht in etwa: „Eheanmeldung heute aus“. Nun beginnt das Schauspiel: Nach kurzer Rückversicherung – ja, die Smartphoneuhr zeigt acht –, versucht der Mann, den Standesbeamten festzunageln. „Ab acht gibt es Wartemarken, es ist jetzt um acht, wir waren um acht hier, wir wollen eine Wartemarke.“ „Pech gehabt“, ruft der Standesbeamte und zieht eilig von dannen. Der Mann telefoniert, er versucht sich zu beschweren. Sie waren jetzt schon dreimal da um acht, Wöllecke Seite 22Der Mann telefoniert, er versucht sich zu beschweren. Sie waren jetzt schon dreimal da um acht, und immer gab es keine Wartemarken mehr. Ein paar Beamte kommen vorüber … und sind leider nicht zuständig. Der Chef des Standesbeamten? Krank. Die Freundin stellt Thesen auf: „Sicher hat der Beamte die Wartemarken selbst gezogen, damit er nicht soviel arbeiten muss.“ Die Sitzenden schütteln den Kopf. Der Mann sagt: „Dann komme ich nächstes mal um sieben und ziehe mir alle fünfzehn Marken.“ Er lacht triumphierend. „Geht nicht“, sage ich, „Wartemarken werden erst ab acht ausgegeben“. Er schnaubt. Sie dümpeln noch eine Weile im Wartebereich herum. Die ersten Gleichgesinnten, die ebenfalls leer ausgegangen sind, ziehen schon ab. Fünf vor halb neun leuchtet die erste Wartenummer auf, das Pärchen, das seit 7:10 Uhr wartet, betritt den Raum. „Oh, jetzt können wir uns nicht mehr beschweren“, sagt die Freundin. Und der Mann sagt leiser: „Nicht, dass wir am Ende die anderen noch gegen uns aufbringen.“ Als sie weg sind, tauchen die Nummern für Beurkundung, Sterbefall und Kinderanmeldung auf dem Wartebildschirm auf. Wir sitzen in einer Reihe. Der Mann rechts neben mir spielt Sudoku auf dem Smartphone. Er hat heute Nachtschicht und noch nicht gefrühstückt. Der Mann links neben mir versucht zu lesen, ein altes Buch mit Halbleineneinband und Lesezeichen. Er sagt später: „Wenigstens nicht wie in Kafkas Schloss hier, irgendwann kommt man hier ja immerhin rein“. Dann liest er die Beschriftung des Jutebeutels der Wartenachbarin einen Platz weiter; sie ist noch immer perplex. „Ich bin ja blauäugig hergekommen, das ist ja mein erstes Mal. Und ich habe noch eine Wartemarke gekriegt, zum Glück.“ Erst als der Kafka-Leser anmerkt, dass er das letzte Mal fünf Stunden gewartet hat, verzieht sie das Gesicht. Wie die meisten anderen auch, ist er schon das zweite Mal da. Am Ende arbeiten drei Standesbeamte und als ich den Raum verlasse, blinkt schon die 7. Nummer auf … die Hälfte ist durch. „Ach, in der Kasse ist gar nichts los“, hat der Standesbeamte gesagt. Meine Nummer ist trotzdem nicht auf der Anzeige, nur eine andere, für denselben Raum. Vielleicht habe ich die falsche Nummer … Ich klopfe, trete ein, drehe ab. „Sie haben nicht richtig geschaut, da müssen Sie mal richtig schauen.“ Ich stehe vor der Kasse und warte, die Kassenamtsfrau sitzt drinnen, allein, vor ihrem Computer. Die Nummer galt dem Nebenschreibtisch, wo Leute saßen. Eine neue Nummer blinkt auf, höher als meine. Ist meine Nummer aus dem System gefallen? Ich klopfe, trete ein. „Sie haben schon wieder nicht richtig geschaut.“ „Aber, weil meine Nummer … ich dachte.“ „Das steht draußen dran, dass das ein anderes System ist, dass das auch mal anders läuft …“ Nach dem Bezahlen verlasse ich beruhigt die Wartezone, nicke den dort Verbliebenen zu, die ja höchstens noch ein oder zwei Stunden warten müssen, denn da

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.