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Bindestrich im Wortinneren

Die deutsche Sprache kennt eine schöne Grundregel: Worte werden direkt miteinander verbunden, man schreibt weder Leer-Zeichen noch Binde Striche. Doch mit einer Bindestrich- und Leerzeichenschwemme, gerade in werbenden Texten, steigt die Unsicherheit. Und das ist gar nicht so verwunderlich.

Im Gegensatz zur Zusammenschreibung ist die Bindestrichschreibung ein Feld voll von Varianten und Ausnahmen, es gibt viele Auslegungsmöglichkeiten. Also schwingen wir die Hacke und lockern den Bindestrichboden ein wenig auf.

Endlich, endlich hielt sie das Druckerzeugnis in den Händen

Kürzlich bin ich einem Text über das Wort Druckerzeugnis gestolpert. Mir schien ein Bindestrich sinnvoll – der Duden empfiehlt ihn. Tatsächlich geht es hier um die Verständlichkeit. In den meisten Fällen wird man damit eine Zeitschrift oder Ähnliches meinen, also ein Druck-Erzeugnis. Man könnte natürlich auch von einem Drucker-Zeugnis sprechen. Von einer gedruckten Urkunde also (die ein Drucker zum Abschluss der Ausbildung erhält). Damit klar wird, was genau gemeint ist, sollte ein Bindestrich gesetzt werden.

Beim Treffen der Kreis-
schifffahrtsgesellschaftsteilhaber kam es zum Eklat

Das Gleiche trifft auf unübersichtliche Wortzusammensetzungen zu. Natürlich sind hier Diskussionen vorprogrammiert: Ab wann genau wird es unübersichtlich? Mancher Texter würde sicher schon Staub-Sauger unübersichtlich genug finden, um die Schreibung mit Bindestrich zu rechtfertigen. Bei einem Kompositum wie Kreisschifffahrtsgesellschaftsteilhaber sollte ein Bindestrich gesetzt werden, und zwar an der Haupttrennfuge. Im Beispiel könnte man also Kreisschifffahrts-Gesellschaftsteilhaber schreiben, wenn man den Gesellschafter der Kreisschifffahrt meint. Oder Kreis-Schifffahrtsgesellschaftsteilhaber – wenn der Gesellschafter einem bestimmten Kreis angehört.
Wo wir gerade bei drei zusammentreffenden Buchstaben sind: Einen Bindestrich kann man setzen, wenn drei Vokalbuchstaben aufeinanderfolgen. Man schreibt also Tee-Elefant oder Lama-Aasgeier; Teeelefant oder Lamaaasgeier sind aber auch richtig.

Noch mehr Bindestrichuneinheitlichkeiten auf einer Fischverpackung.
Interessant ist: Das Unternehmen schreibt Bio Forelle, aber Räucherfisch-Spezialität. Friedrichs-Rauchgeschmack, aber FRIEDRICHS Bio Räucherforellen.

Einzelbuchstabe sucht …

Wenn sich ein Einzelbuchstabe überlegt, was er überhaupt mit irgendwem gemeinsam hat – sagen wir mit Formelzeichen und Ziffern –, dann kann er an den Bindestrich denken. Man schreibt X-Beine oder V-Ausschnitt genau wie 8-Tonner und y-Achse. Zu dieser bunten Truppe stoßen auch die Abkürzungen in Komposita: KFZ-Schein, UKW-Frequenz, Lkw-Führerschein.
Falsch ist hingegen, was ich immer wieder im Supermarkt sehe, zum Beispiel auf Käsepackungen. Auch wenn Bioprodukte sicher tolle Lebensmittel sind, wird der erste Wortbestandteil weder mit einem Leerzeichen noch mit einem Bindestrich abgetrennt. Man schreibt Biokäse wie Biografie oder Biochemiker.

Ringel, Ringel Reihe, sind der Wörter dreie

Man kann sich ein DIN-A4-Heft kaufen oder zu einem Progressive-Rock-Konzert gehen. Wenn man nicht gerade einen fiesen Magen-Darm-Virus hat. Stehen mehrere Wörter vor einem Zweitglied, werden sie mit Bindestrichen durchgekoppelt.

Jetzt aber erst mal kurz ausruhen: Da schon ganze Menge Bindestrichregeln zusammengekommen sind (und heiter an den Händen gefasst vor den Augen tanzen), wird das Vorbeten weiterer Regeln auf den nächsten Karacho-Montag-Beitrag verschoben.

Schöne Fehler im April

Ja, ich weiß, der Monat steht noch ganz am Anfang. Trotzdem kommen hier direkt ein paar Fehlerperlen aus dem Arbeitsalltag im Lektorat.

Auf einer Firmenseite präsentiert sich ein Unternehmen:

Seit Ihrer Gründung im Jahr 1990, ist die Firma XXX ihr kompetenter Partner für …

Erstaunlicherweise ist die Groß- und Kleinschreibung des Wortes „ihr“ spiegelbildlich verkehrt. Nicht der Leser oder die Leserin wurde im Jahr 1990 gegründet, und das Possessiv „Ihr“ bezieht sich hier auf die Höflichkeitsanrede Sie, darum wird es großgeschrieben.

Fördern und fordern

In einer Stellenausschreibung soll verdeutlicht werden, dass ein Unternehmen viel für seine Mitarbeiter tut:

Wir fördern und bilden unsere Mitarbeiter steht’s weiter.

Nun kann man auch heute noch vielleicht ganz cool fragen: Wie gehts, wie stehts? (Meinetwegen übrigens auch gern mit Apostroph.) Stets ohne h und ohne Apostroph schreibt man aber das Wörtchen, das der Bedeutung von immer entspricht. Der Lektor, nein, sogar der Korrektor, könnte sich an dieser Stelle allerdings fragen, ob man seine Mitarbeiter stets weiter fördern sollte oder ob diese Wendung eher für den Transport geeignet ist. Jedenfalls reicht es völlig aus, Mitarbeiter stets zu fördern, das weiter braucht es dabei nicht.

Und auch die Masochisten kommen noch auf ihre Kosten

Komma vor „sowie“ bei Aufzählungen?

Kommas vor sowie können einen überall anspringen. Ich sehe sie oft bei der Arbeit, neulich fiel auch eines gleich frühmorgens über mich her, direkt vom Druck auf der Brötchentüte. Richtig steht das Komma in den meisten Fällen trotzdem nicht.

Schauen wir uns eine Konstruktion an, in der das Komma häufig falsch gesetzt wird: Wir verkaufen Hundetränken, Katzentränken und Vogeltränken, sowie Meerschweinchentränken. In dieser Aufzählung steht sowie als Und-Ersatz; man versucht damit, eine Doppelung zu vermeiden. Gerade aus dieser Analogie, dass nämlich sowie ein und ersetzen kann, ergibt sich auch die Kommaregel. Beide Wörter sind Konjunktionen, die Satzteile oder Sätze verbinden. Der Satz zu den Tiertränken wird also ohne Komma vor sowie geschrieben.

Richtig? – Ja. Schön? – Nein

Auch wenn man Aufzählungen mit sowie gliedern kann, ist dies nur selten Ausdruck guten Stils. Man kann eine Aufzählung problemlos mit vier Gliedern gestalten und dann das letzte Wort hinter das und ordnen: Wir verkaufen Hundetränken, … Vogeltränken und Meerschweinchentränken. Man spart sich damit das ungelenke sowie und eine weitere Silbe. Bei längeren Aufzählungen teilt man die Sätze am besten.
Ohne Not sollte man und ohnehin nie durch sowie ersetzen, was ich in einem anderen Beitrag zum Wesen der Konjunktion „und“ bereits ausgeführt habe. Ich finde, solche Sätze lesen sich sonst sehr umständlich, sie haben fast schon „beamtischen“ Charakter. Wann der Ersatz trotzdem möglich ist, steht ebenfalls in meinem Beitrag zum und.

Ich will aber unbedingt ein Komma vor „sowie“ setzen!

Auch das ist möglich. In diesem Fall muss sowie allerdings anders gebraucht werden. Nicht mehr im Sinne von und, sondern als Konjunktion, die einen Nebensatz einleitet. Sowie wird dann analog zu sobald gebraucht: Ich verlasse das Geschäft, sowie ich eine Meerschweinchentränke gekauft habe.

Scheiden tut weh

Das war es dann auch schon fast; aber wo wir gerade beim Thema Trennung sind: So wie wird getrennt geschrieben, wenn es sich um einen Vergleich handelt: So, wie ich den Wöllecke kenne, kann er sich keine Beispielsätze ohne abstrus lange Wörter wie Meerschweinchentränke ausdenken. Stimmt!

Harte Fakten: Die Zusammenfassung am Karacho-MontagFreitag

Erfüllt sowie in einer Aufzählung die Funktion von und, wird kein Komma gesetzt. Ich kaufe Pilze, Speck und Eier sowie Petersilie. In den meisten Fällen ist ein zusätzliches sowie aber nicht nötig.
Ein Komma kommt vor sowie, wenn es im Sinne von sobald gebraucht wird. Sowie ich da war, musste ich ein Bier trinken.
Getrennt schreibt man es, wenn sowie in einem Vergleich steht. Dieses Auto ist superschnell, nicht so wie deine alte Karre.

SB-Lektorat

Wenn das Lektorat am Samstag ruht, dann kann der Lektor etwas unternehmen. Mit Frau und Kind zur SB-Waschanlage fahren zum Beispiel. Es heißt ja schon in Rainald Goetz’ Johann Holtrop gleich zu Beginn: Als die Winter noch lang und salzreich waren …
Es nieselt leicht, die Hoffnung auf eine freie Waschbox ist groß, wird aber nicht erfüllt. Wir parken und beobachten das bunte Treiben: Die Leute waschen ihre Autos. Und das ist ja auch klar. Hier, in der Box, ist man noch frei. Hier ist man seiner Sauberkeit Schmied, hat man die Fortüne der Waschlanze noch selbst in der Hand. Eine Box wird frei. Wir fahren ein und kommen zwischen einem weißen Golf mit vier Auspüffen zur Rechten und einem weißen Mercedes mit vier Auspüffen zur Linken zum Stehen. Die Besitzer kennen sich. Sie sind vielleicht immer hier, ein Stündchen totzuputzen am Wochenende mit dem Geruch von Reiniger und Heißwachs in der Nase. Der Mercedes-Besitzer lässt eine etwa handtellergroße Polierscheibe auf dem Lack tanzen (es warten noch immer Autos in der Spur). Die Frau des Golf-Fahrers trägt orange Spülhandschuhe, die ihr bis zum Ellbogen reichen. Sie räumt gerade eine Reinigerflasche in den Kofferraum zu zwanzig anderen Reinigerflaschen. Ab und an tänzelt der Golf-Fahrer leichtfüßig zum Mercedes-Fahrer, er sagt ein paar Worte, die Zigarette schnippt dabei zwischen seinen Lippen. Ich steige aus, bin, der Szene sei Dank, mit Betriebsblindheit gesegnet. Nicht aber meine Frau. Ihr erster Hinweis gilt dem Schild. Für einen Moment bin ich perplex. Ich schaue mich hektisch um, lese auch die anderen Schilder. Die sind okay. Ich atme, ich beruhige mich. Dann fällt es mir wieder ein. Natürlich, ein dreistes Plagiat. Ich habe den Text so ähnlich schon mal gelesen, und zwar in der neuen Lyrikrundschau. Aus dem Werkkreis Handwerk, eine Dada-Kooperative aus dem Handarbeitskurs und der KFZ-Schraubertruppe.

Verbotsschild !

Motor wäschen ! / stricken ! / untersagt ! (2016)

Tatütata macht die Sirene, das rote Fake-News-Rundumleuchtenlicht scheint grell. Es ist natürlich nur ein fehlerhaftes Schild, keine Kunst. Ein schmaler Fingerzeig sozusagen, der in die Kategorie von Rasen-betreten-verboten-Schildern fällt. Hier nicht spielen, hier leise lachen, hier stehenbleiben, Durchgang auf eigene Gefahr. Und der strickt-Fehler leuchtet mir auch irgendwie ein, ich hatte schon mal etwas zum Wort vorüber geschrieben (bzw. zur Variante mit zwei „r“). Und es ist ja auch ganz schön, sich vorzustellen, wie ein einzelner Buchstabe signifikante Bedeutungsunterscheide produzieren kann:

Neonazis – Oma strikt dagegen
Neonazis – Oma strickt dagegen

Vielleicht kann man sich sogar eine strickende Motorwäsche vorstellen, da bin ich mir nicht ganz so sicher. Auf die Stimmung in den Boxen hat die Falschschreibung jedenfalls keine Auswirkungen. Ich rase putzend um das Auto herum, um den Dreck für drei Euro vom Lack runterzukriegen (nicht ganz gründlich versteht sich). Der Mercedes-Besitzer poliert sein Auto, im Golf rauchen sie; fertig, aber weiter in der Kabine parkend. Ich starte den Motor, sie haben vielleicht noch ein Viertelstündchen vor sich. Der Ausflug ist zu Ende, wir fahren endlich wieder nach Hause. Die Männer heben zum Abschied die Hand, einer von ihnen fährt vom Hof. Ich hupe lange.

Was der Korrektor ignoriert und den Lektor umtreibt …

… sind Sätze wie dieser: [Der Kurs bringt Teilnehmer hervor], die dank dieser Vorbereitung die schriftliche und mündliche Prüfung selbstbewusst und erfolgreich antreten können.
Dieser Satz ist Bestandteil einer Werbung für eine Schulung/Weiterbildung mit Abschlussprüfung. Es ist eine dieser Standardformulierungen, über die man schnell hinweg liest, und vielleicht nickt man dabei ganz leicht mit dem Kopf. Nur preist der Satz jedoch bloß eine Leistung an, die jeder durchschnittliche Weckerhersteller für sich reklamieren könnte. Die Prüfung erfolgreich anzutreten heißt erst mal nichts anderes, als anwesend zu sein – und das in diesem Fall selbstbewusst. Wer es also nicht schafft, morgens aus den Federn zu kommen, der kann einen Kurs für mehrere 100 Euro buchen und dann garantiert erfolgreich seine Prüfung antreten. Oder sich einen Wecker kaufen.

Sehr gern oder sehr gerne – der Unterschied zwischen Umgangs- und Standardsprache

Mancher ist gern allein, ein anderer ist lieber gerne alleine (und ein Dritter hat beim Essen gerne seine Ruhe). Inhaltlich unterscheiden sich die beiden Fälle offensichtlich nicht, aber wie verhält es sich mit den Schreibweisen?

Ganz praktisch kann man das an meinem Sohn nachvollziehen. Mit seinen zweieinhalb Jahren kann er zwar noch nicht alles, möchte es aber gern. So kann es schnell passieren, dass er bei jeder Handlung hyperventilierend schreit: „Iiiich, iiiich, alleine!“ Er hat dafür zweifelsohne wichtige Gründe und artikuliert sich völlig korrekt. Allein, in den meisten Texten sollte man die endungslose Form bevorzugen, vor allem in fachsprachlichen.
Gibt man dem kindlichen Ansinnen nach, ist alles gut. Kann oder möchte man nicht, wird die Sache ganz schnell schwierig. Meistens enden Wutanfälle auf dem Sofa im Kinderzimmer – mit einem gebellten: „Du nicht, geh weg!“ Das Kind möchte gern für sich sein. (Auch hier gilt die kürzere Version als standardsprachlich, die lange Form – ich möchte gerne Eis essen – ist als umgangssprachlich anzusehen.)

Ein oder einen Meter?

Bei Längenmaßen gibt es, zumindest sprachlich, einigen Spielraum. Im Normalfall würde man sagen: „Mensch, der hat ja mindestens einen Meter am Tor vorbeigeschossen.“ In kürzeren Formen kann man aber auch ein verwenden: „Sie haben es aufgezeichnet. Dort sieht man: genau ein Meter.“ So ähnlich verhält es sich auch mit der Flexion (der Beugung) von Meter/-n. Insbesondere, wenn der Artikel fehlt, steht man schnell vor der Beugungsfrage. Die Regel besagt hier, dass die Flexionsendung fehlt, wenn das Gemessene unmittelbar folgt. Also: Ich springe aus tausend Meter Höhe ab. (Aber auch die Form mit Endung kommt gelegentlich vor.) Im Gegensatz dazu wird flektiert, wenn man sagt: „Der Sprung erfolgt bei tausend Metern.“

Nicht nur eine Frage von falsch oder richtig

Entweder man setzt sich vorn oder vorne ins Auto. Die Benutzung variiert je nach Textart. In Dialog-Passagen eines Romans kann die endungslose Form schnell steif wirken. (Das genaue Gegenteil gilt übrigens für die Verbform in der ersten Person Singular. Ich hab alleine gewartet klingt mündlicher als: Ich habe allein gewartet. Ein Apostroph ist bei „hab“ übrigens nicht üblich.) Richtet sich ein Unternehmen an Kunden oder Geschäftspartner, verwendet es eher die standardsprachliche Form: Wir haben gern mit ihm zusammengearbeitet. Geht es um eine besonders authentische Wiedergabe der letzten Betriebsfeier im Mitarbeitermagazin, kann man ebenfalls mit der Umgangssprache arbeiten. (Und dann, das war der unbestrittene Höhepunkt des Abends, spielte vorne/vorn unser Herr Mayer aus der Produktion auf seiner Ukulele „Es gibt kein Bier auf Hawaii“.) Ich reserviere der Umgangssprache in der Regel aber einen Platz als vorrangig literarisches Mittel für glaubhafte Figurenrede.

Harte Fakten: Die Zusammenfassung am Karacho-MontagDienstag

In Formen wie vorn, allein, gern bewirkt ein zusätzliches „e“ eine Verschiebung in die stilistische Ebene der Mündlichkeit. Bei Verbformen in der ersten Person Singular führt hingegen der Wegfall des Buchstabens „e“ in die gleiche Richtung: Na, das hab ich mir ja gleich gedacht.
Man schreibt einen Meter, in kürzeren Varianten ist auch ein Meter zulässig.
Steht eine Längen- oder Höhenangabe ohne Artikel, dann wird sie gebeugt, wenn das Gemessene nicht unmittelbar folgt. Sonst steht sie ungebeugt.
Eine Strecke von 50 Metern. Eine Strecke von 50 Meter Länge (auch: 50 Metern).