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Velothon

Ja, ich gebe es zu, wäre ich am Sonntag Autofahrer gewesen, ich hätte mich wahrscheinlich aufgeregt über all die Sperrungen. Aber für uns, die Zweiradfahrer, war das schon ein toller Tag. Die weiten, leeren Straßenfluren getaucht in das Licht der Morgensonne und nur wir darauf, die zweibeinigen Helden. Die meisten werden es ja bereits mitbekommen haben: Auch ich bin an den Start gegangen.

Ich hatte ja in den letzten vier Wochen die Familie und die Masterarbeit weit genug zurückgestellt, um ausreichend trainieren zu können. Ich bin leider nicht zum Profirennen zugelassen worden, obwohl ich mir im Fahrradladen sogar eine aerodynamische Hochgeschwindigkeitsklingel installieren und die Lager schmieren ließ. Ich bin dann die 60 km gefahren, weil ich vermutete, dass ich für 120 km länger brauchen würde und rechtzeitig zum Mittagessen wieder zu Hause sein wollte. Mit meiner Fahrzeit von 01:42:07 war ich auch gar nicht so schlecht und recht weit vorn dabei. Meine Familie hat kleine, bunte Wimpel am Ziel geschwenkt, das war sehr schön. Jetzt liege ich schon den zweiten Tag auf der Couch und muss meine Ballonbeine kurieren; ein Problem, das sicher jeder ambitionierte Freizeitsportler kennt. Unser Eisschrank steht auf „Superfrost“, damit ich genug Eiswürfel nachproduzieren kann. Das habe ich nämlich im Internet gefunden, dass das Gewebe sofort regeneriert, wenn man es einige Stunden unter null Grad halten kann. Außerdem lindert es ganz angenehm die Muskelschmerzen. Ich denke, wenn ich im nächsten Jahr ausreichend trainiere und vielleicht ein Rennrad über Ebay Kleinanzeigen finde, kann ich vielleicht im Spitzenfeld mitfahren. Christian Armstrong Wöllecke oder Christian Ullrich Wöllecke. Das klingt nach Doping, Leistungssteigerung und Gefahr, nach dem wilden Rasertum, das ich all die Jahre so dringend herbeigesehnt habe.

Mein aus den Trainingserfahrungen gespeister Text „Bicycle Psycho“, den ich im Vorfeld entworfen hatte, ist leider auf der Strecke geblieben. Das Ende war einfach nicht gut genug, das Ganze lief irgendwie ins Leere. Aber irgendwo habe ich gelesen, dass es sowieso traurig wäre, sich bloß in der Literatur zu engagieren und darum sehe ich zu, dass ich in Zukunft immer mehr als einen Fuß gleichzeitig auf der Pedale habe. Und wer weiß: Vielleicht wird nächstes Jahr ja Hubert Winkels auf mich aufmerksam und lädt mich ein zum Bachmannpreis, wenn ich jubelnd mit dem Siegerkorso einfahre. Wenn ich dann noch ein Gedicht deklamiere, ein aufregend polemisches vielleicht, dann wird schon alles flutschen wie meine frisch gefettete Kette, die, während ich diese Zeilen schreibe, gerade fröhlich über dem Ritzel dahinschnurrt irgendwo zwischen Barnim und Neubrandenburg.

Campustüten

Wie ein Opel vor mir, bleibe ich in der Menschenmenge stecken, die sich auf der Straße um eine Palette schart, von der Campustüten herabgereicht werden. Ich präge mir gleich die Details ein, versuche, das Geschehen beobachtend und ohne unnötige Emotion zu erfassen. Aber selbst der Versuch, in einer selbstironischen Art über das Thema zu schreiben, mit einem kurzen Text irgendeine humorige Pointe zu erzielen, misslingt, und es wundert mich immer weniger, je mehr ich darüber nachdenke. Dass ich einmal selbst Fan von Campustüten war, macht die Sache wirklich nicht besser und lässt keine Spur Würze zurück. Die Moral oder Unmoral der Tüte ist so belanglos wie sie selbst.

Das Schreibproblem mag vielleicht daran liegen, dass ich mich momentan etwas trudelig fühle dabei, ewig mit Texten, vor allem ihren Enden, ringe, was womöglich wiederum daran liegt, dass meine Schreibidee momentan immer am Anfang des Textes liegt und nie am Ende. Unkonzentriertheit und das Gefühl, dass ich meine Zeit eigentlich stets übergeordneten, wichtigeren Problemen zuwenden müsste, machen es nicht besser. Mit einem Gefühl tiefer Unzufriedenheit lasse ich meinen Tütentext zurück, gehe, den Rechner im Stand-By-Modus, den Text noch offen in Word, in die Mensa, wo ich, völlig unverhofft, auf Vanillepudding stoße. In der Menge der Nachtische ist er mir, noch vor Schokoladenpudding, der liebste, und als ich eben vor einer fast leeren Puddingwanne stehe, fällt mir die zweite Nachtischinsel ins Auge, wo eben ein noch vollkommen unberührter Puddingbehälter eingesetzt wird. In der Mitte erhebt sich, auf mehreren geschichteten Sahnehauben, Obst wie eine Trutzburg, ringsumher, auf gelbem Grund, stehen kleine Sahnehäubchen wie Gehöfte, geraspelte Schokoladenröllchen darauf. Wie es immer so ist, überkommt mich gleich ein Selbstgeißelungsgedanke, die Idee, dass es nicht statthaft wäre, sich jetzt hier, an diesem völlig unberührten Pudding zu bedienen. Und genauso schnell kommt von irgendwoher ein Antrieb, der mich auch bei den Campustüten überkommen könnte, möglichst schnell zuzugreifen. Ich schlage also Kerben in den Pudding, nehme mir eine Sahnehaube, schaue um mich, schaufle eine zweite in das Schüsselchen.

Später, als ich mit der Hauptspeise fertig bin, löffle ich vorsichtig in den Pudding, koste mit geschlossenen Augen, denke darüber nach, ob es nach Vanille schmeckt, ob ich überhaupt weiß, wie Vanille schmeckt und ob mir nicht sogar Vanillin besser schmeckte. Ich hebe vorsichtig ein bisschen Sahne heraus, die Sahne schmeckt gut, sie schmeckt, wie bei meinem Lieblingsspaghettieis. Ich denke an den Text. Es ist jetzt wieder der Moment, in dem ich Puddingvergleiche anstelle, ohne sie jemals aufzuschreiben.

Samstag, elfter April 2015

Gerade Franzens Freedom fertiggelesen, zwischendurch an die Corrections gedacht, bei Perlentaucher, in einem Moment textlicher Zähigkeit, die nicht einheitlich begeisterten Kritiken gelesen. Trotzdem: wieder unendlich beeindruckt. Was ich bei den heutigen Russen nicht mehr sehe, den großen, realistischen, klugen Gesellschaftsroman, finde ich bei den Amerikanern. Vielleicht gefällt es mir gerade deshalb so gut, weil ich selbst stets die Phantastik, die Flucht ins Magische und Groteske für meine eigenen Texte vorziehe.1 Weil man sich in den Defekten der Figuren wiederfinden, die Genese von Persönlichkeiten erleben kann. Weil man für 100 Seiten vergisst, dass es einen Autor hinter dem ganzen Geschehen gibt und die Figuren nicht von allein so organisch miteinander umgehen. Natürlich gibt es Kritikpunkte. Ich habe weniger gelacht, es war eine ernstere Art der Absurditäten, die das Buch durchziehen. Andere kleine Abstriche erscheinen mir im Nachhinein nicht wichtig, weil mich das Buch überzeugt und wie schon die Corrections überwältigt hat.

So war das zuletzt nur bei Knausgard, und etwas abgeschwächter bei DeLillos Underworld. Dabei hatte ich Franzen nur als Einschub in Johnsons Jahrestage vorgesehen, die ich zwar ungemein klassisch erzählt finde, aber zu spröde und hart, um sie in einem Durchgang weglesen zu können. Nun aber zurück nach Mecklenburg, New York.

1 Es wäre nun denkbar, eine große Debatte im Sinne Franzens über die Freiheit zu führen: Ob Sorokin, Pelevin, Jurjew usw. systembedingt phantastisch schreiben. Aber dies ist an dieser Stelle unnötig.

Auf dem Amt

Mit dem Auto umkreise ich den bröckelnden Bau, folge für einen Moment dem Parkplatzschild, sehe Zeitbegrenzung und Kosten, gondele in eine Einbahnstraße mit Holperpflaster, parke dort. In diesem Amt bin ich noch nie gewesen, und mein Versuch, über den rückwärtigen Parkplatz vorzudringen, scheitert kläglich. Ich finde einen Eingang für Rollstuhlfahrer, aber der Aufzug ist, so verkündet es ein im Wind wehender DIN-A-4-Zettel, wegen Reparatur geschlossen. Links und rechts nur Kellergänge. Man müsste sich als Hausmeister fühlen, um hier weiterzugehen. Ich kehre um, auf dem Parkplatz begrüßen sich Menschen in inniger Vertrautheit, das müssen die Beamten sein. Mit langen Schritten, ab und an ein paar nach vorn schnellende Zwischenhüpfer einbauend, um mir selbst den Anschein von Tempo zu geben, umrunde ich das Gebäude, nehmen die paar Stufen des Haupteingangs, gehe am Pförtnerkästchen vorbei – die Frau darin blickt ohnehin nicht auf, liest vielleicht oder surft –, durchmesse sehend das hohe Foyer und steige die rechte Treppe hinauf; Ja, dort prangt das Schild: Standesamt. Dies alles tue ich mit der Sicherheit eines bereits Dagewesenen, auch wenn es meine Freundin war, die hier, eine Woche zuvor, Schiffbruch erlitt beim Versuch, sich regelkonform in die Schlange der Wartenden einzureihen. Dass man, wenn die Vorgabe „ab acht“ lautet, nicht fünf nach acht da sein darf, dies ist die aus dem Vorfall zu ziehende Lehre. Wir werden später sehen, dass es auch Unbelehrbare gibt. Ich stehe also 07:20 Uhr vor dem Wartemarkenautomaten, der seine gedruckten Berechtigungen erst in 40 Minuten ausgeben wird, an fünfter Stelle. Alle paar Minuten wird ein neuer Wartender hinzugespült, tritt vielleicht vor den Automaten, erkennt die momentane Funktionslosigkeit, stellt sich dann in der Nähe auf. Der ersten Stummheit folgen die Gespräche über die Wartesituation, über die Heiratswilligkeit, über die Urkundenbeschaffung aus Botschaften ferner Länder, von Dorfältesten Kretas, von den Amerikanern. Nach Dänemark soll man, höre ich; Dänemark sei ein Heiratsparadies, das Las Vegas Europas und über alles seien die Dänen ja noch ein sehr nettes Völkchen. In Deutschland bekommt der, der Heiraten will, immerhin armdicke Äste zwischen die Beine geworfen … Die Uhr rückt vor, und auch ich gebe ein paar unpersönliche Statements zur Situation ab – was zum einen die Warteposition sichert und festigt (nur gemeinsam kann es gehen), zum anderen eine angenehme Entlastung bringt: Niemand will kurz nach sechs aufstehen, um dann klaglos zu warten, nach bevor es ans eigentliche Warten geht, und das alles bloß, weil der Personalschlüssel eines Amtes eine Unterbesetzung geradezu manisch einfordert. Die Grippe heißt es, und später: Nur einer von sechs Standesbeamten würde überhaupt arbeiten. Der kommt fünf vor acht, schaltet den Wartemarkenautomaten ein. Als das Windowslogo auf dem Bildschirm erscheint, brandet hysterisches Gelächter auf. Aber der Start geht gut und man reiht sich auf, zieht Marke um Marke, eine junge Frau stürzt von der Glastür her eilig hinzu, sie bekommt die Wartenummer 15, und dann ist der Eheanmeldungsknopf vom Bildschirm verschwunden. Nach der ersten kurzen Hochstimmung wird einem bewusst, dass man nun warten muss, dass noch längst nichts gewonnen ist. In diese Stimmungseintrübung platzen zwei Pärchen – gegelt, gelackt, schlank und schnittig –, die um 8 Uhr den Raum betreten und sich vor dem Wartemarkenautomat aufbauen. Der Finger des einen Mannes fährt nervös über den Bildschirm, dann zieht er Marken für die Bereiche: Beurkundung, Sterbefälle, Kinderanmeldung. Ein paar der Sitzenden weisen ihn auf den Ausgabestopp hin, der Standesbeamte schlurft mit einem Schild heran. Auf dem steht in etwa: „Eheanmeldung heute aus“. Nun beginnt das Schauspiel: Nach kurzer Rückversicherung – ja, die Smartphoneuhr zeigt acht –, versucht der Mann, den Standesbeamten festzunageln. „Ab acht gibt es Wartemarken, es ist jetzt um acht, wir waren um acht hier, wir wollen eine Wartemarke.“ „Pech gehabt“, ruft der Standesbeamte und zieht eilig von dannen. Der Mann telefoniert, er versucht sich zu beschweren. Sie waren jetzt schon dreimal da um acht, Wöllecke Seite 22Der Mann telefoniert, er versucht sich zu beschweren. Sie waren jetzt schon dreimal da um acht, und immer gab es keine Wartemarken mehr. Ein paar Beamte kommen vorüber … und sind leider nicht zuständig. Der Chef des Standesbeamten? Krank. Die Freundin stellt Thesen auf: „Sicher hat der Beamte die Wartemarken selbst gezogen, damit er nicht soviel arbeiten muss.“ Die Sitzenden schütteln den Kopf. Der Mann sagt: „Dann komme ich nächstes mal um sieben und ziehe mir alle fünfzehn Marken.“ Er lacht triumphierend. „Geht nicht“, sage ich, „Wartemarken werden erst ab acht ausgegeben“. Er schnaubt. Sie dümpeln noch eine Weile im Wartebereich herum. Die ersten Gleichgesinnten, die ebenfalls leer ausgegangen sind, ziehen schon ab. Fünf vor halb neun leuchtet die erste Wartenummer auf, das Pärchen, das seit 7:10 Uhr wartet, betritt den Raum. „Oh, jetzt können wir uns nicht mehr beschweren“, sagt die Freundin. Und der Mann sagt leiser: „Nicht, dass wir am Ende die anderen noch gegen uns aufbringen.“ Als sie weg sind, tauchen die Nummern für Beurkundung, Sterbefall und Kinderanmeldung auf dem Wartebildschirm auf. Wir sitzen in einer Reihe. Der Mann rechts neben mir spielt Sudoku auf dem Smartphone. Er hat heute Nachtschicht und noch nicht gefrühstückt. Der Mann links neben mir versucht zu lesen, ein altes Buch mit Halbleineneinband und Lesezeichen. Er sagt später: „Wenigstens nicht wie in Kafkas Schloss hier, irgendwann kommt man hier ja immerhin rein“. Dann liest er die Beschriftung des Jutebeutels der Wartenachbarin einen Platz weiter; sie ist noch immer perplex. „Ich bin ja blauäugig hergekommen, das ist ja mein erstes Mal. Und ich habe noch eine Wartemarke gekriegt, zum Glück.“ Erst als der Kafka-Leser anmerkt, dass er das letzte Mal fünf Stunden gewartet hat, verzieht sie das Gesicht. Wie die meisten anderen auch, ist er schon das zweite Mal da. Am Ende arbeiten drei Standesbeamte und als ich den Raum verlasse, blinkt schon die 7. Nummer auf … die Hälfte ist durch. „Ach, in der Kasse ist gar nichts los“, hat der Standesbeamte gesagt. Meine Nummer ist trotzdem nicht auf der Anzeige, nur eine andere, für denselben Raum. Vielleicht habe ich die falsche Nummer … Ich klopfe, trete ein, drehe ab. „Sie haben nicht richtig geschaut, da müssen Sie mal richtig schauen.“ Ich stehe vor der Kasse und warte, die Kassenamtsfrau sitzt drinnen, allein, vor ihrem Computer. Die Nummer galt dem Nebenschreibtisch, wo Leute saßen. Eine neue Nummer blinkt auf, höher als meine. Ist meine Nummer aus dem System gefallen? Ich klopfe, trete ein. „Sie haben schon wieder nicht richtig geschaut.“ „Aber, weil meine Nummer … ich dachte.“ „Das steht draußen dran, dass das ein anderes System ist, dass das auch mal anders läuft …“ Nach dem Bezahlen verlasse ich beruhigt die Wartezone, nicke den dort Verbliebenen zu, die ja höchstens noch ein oder zwei Stunden warten müssen, denn da

Montag, neunter März 2015

Jetzt, um 07:45 Uhr, dringt die milde Morgenluft zum Fenster herein; man könnte denken, dass es die erste und letzte Frische eines Hochsommertags ist (um fünf Uhr fiel das Thermometer auf 18,5 Grad) . Und jetzt, nach den Wintermonaten, ganz anders als im Sommer, wo sich ja meist die heißen Tage wie in Ketten aneinanderreihen, sehnt man sich so eine Hitze herbei, vielleicht auch nur für ein Mal.

Die Luft liegt kühl und angenehm über den Seiten, liegt über dem dritten Band von Johnsons Jahrestagen, gebraucht gekauft und doch ungelesen, wie auch der vierte Band, der letzte Woche mit der Post kam. Innen alles neu, druckfrisch sozusagen. Und nur die Rückseite des Einbands versehen mit weißen Farbsprenkeln. – Sei es, dass ein Kind, gelangweilt nach dem einen Spiel, es zu unterhalten suchend, den Johnson und ein Fläschen Tipp-Ex in die Hände bekam; Sei es, dass einer meinte, in den Ruhepausen des Malerns und Weißens Johnson lesen zu wollen – und nicht dazu kam, der vergessenen Stulle wegen, die ihn weg vom Buch hin zu Pommes und Currywurst führte in der Mittagspause, und zu einem kleinen Powerschulle. Möglich wäre es ja, und möglich wäre auch, dass das Fenster auf den Hudson schaut, den nebligen, fliessenden …

Good old Faserland: Wo man es finden kann

Dass ich bislang noch nie in ein orthopädisches Fachgeschäft gehen musste, ich bereue es nicht. Aber ein Mal muss man eben gehen, oder wie es im Schlager heißt, – und ich gehe. Das rote Rezept flattert fröhlich in der Hand, der neckische Wind zupft und zerrt daran. Direkt an der Bushaltestelle liegt das Geschäft, dem dort haltenden Bus entwindet sich eine karge, verwinkelte Gestalt: ein Rentner. Zielstrebig peilt er den Laden an und fluppt direkt vor mir hinein. Am liebsten will ich gleich weitergehen, aber ich habe die Besorgung der Handbandage jetzt schon eine ganze Weile vor mir hergeschoben. Und ein einzelner Kunde vor mir kann so schlimm nicht sein. Es sind aber drei. Eine Frau, direkt vor der Kasse, lässt ihre Arme kreisen. Ihre Kniebandage liegt vor ihr, die Rechnung darauf. Sie und die Verkäuferin sprechen über: Familie, Bekannte und, natürlich, das System. Eine Frau will korrektes Schuhwerk. Der Rentner steht vor mir, ich sehe auf seinen Rücken. Links steht auf einer Anzeigetafel: „Bitte nehmen Sie eine Wartemarke und setzen Sie sich ins Wartezimmer.“ Der Rentner kennt sich doch sicher aus – und er wartet am Tresen. Ich tue das gleiche. Die Türglocke schlägt. Eine alte, kleine Frau wetzt an mir vorüber, ergattert die Wartemarke 1 und setzt sich auf den einzigen Stuhl vorm Tresen. In diesem Moment erscheint eine Verkäuferin und fragt: „Wer bekommt? Wer war zuerst da?“ Ich weise auf den Mann, der aber, wie auch immer er es angestellt hat, bereits bedient wird. Ich sage: „Ich war zuerst da, habe aber keine Wartenummer gezogen.“ Die Oma sagt: „Das geht schnell, ich will nur was abholen.” „Na dann kommen Sie mal … und Sie können sich eine Wartenummer nehmen.“
Ich nehme das Schild mit dem Aufdruck „2“ und setze mich ins leere Wartezimmer. Eine Verkäuferin kommt vorbei. Sie schaut auf mein Schild. „Sie sind der nächste.“ Ein Verkäufer tritt aus einer Tür, hinter der offensichtlich eine Maschine läuft. Ich gebe ihm das Rezept. „Danke“, sagte er und dann nickt er. „Ja … da schauen wir mal … ja. Kommen Sie bitte mit.“
Ich stelle mich an den Tresen. Die fertige Frau lamentiert noch immer, die zweite Kundin probiert Schuhe an; der Rentner schaut zu, wie ein Zettel ausgefüllt wird, die alte Frau holt noch immer etwas ab. Ich gebe dem Verkäufer meine Krankenkassenkarte, der schaut sich mein Rezept an, zieht die Augenbrauen hoch, schnalzt mit den Lippen. Er geht zu einer anderen Verkäuferin, fragt sie etwas. Mit einer Mischung aus Unwillen und Ekel wirft sie einen vernichtenden Blick auf das Rezept, mit Schaum vor den Lippen beginnt sie energisch ihren Kopf zu schütteln. Ich stelle mir vor, wie sie sagt: „Wir sind doch nicht die Wohlfahrt.“
Der Mann kommt zurück. „Nun … ja … das Datum. Das Rezept ist schon vor sechs Wochen ausgestellt worden, es ist aber nur vier gültig. Da müssten Sie … könnten Sie nochmal zum Arzt gehen? Der muss das Datum ändern und unterschreiben und es stempeln. Weil, das ist ein Dokument, das dürfen wir nicht ändern.“ Ich presse die Lippen zusammen, nicke knapp, nuschle irgendwas und renne raus. In Anbetracht der wunderbaren Steifheit des medizinischen Orthopädiegewerbes, in dem noch der alte Geist, die blonde, starre Tugend steckt, wünsche ich mir den Kracht-Erzähler herbei mit all seinen verschrobenen, übertriebenen, dämlichen Nazi-Titulierungen …