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Good old Faserland: Wo man es finden kann

Dass ich bislang noch nie in ein orthopädisches Fachgeschäft gehen musste, ich bereue es nicht. Aber ein Mal muss man eben gehen, oder wie es im Schlager heißt, – und ich gehe. Das rote Rezept flattert fröhlich in der Hand, der neckische Wind zupft und zerrt daran. Direkt an der Bushaltestelle liegt das Geschäft, dem dort haltenden Bus entwindet sich eine karge, verwinkelte Gestalt: ein Rentner. Zielstrebig peilt er den Laden an und fluppt direkt vor mir hinein. Am liebsten will ich gleich weitergehen, aber ich habe die Besorgung der Handbandage jetzt schon eine ganze Weile vor mir hergeschoben. Und ein einzelner Kunde vor mir kann so schlimm nicht sein. Es sind aber drei. Eine Frau, direkt vor der Kasse, lässt ihre Arme kreisen. Ihre Kniebandage liegt vor ihr, die Rechnung darauf. Sie und die Verkäuferin sprechen über: Familie, Bekannte und, natürlich, das System. Eine Frau will korrektes Schuhwerk. Der Rentner steht vor mir, ich sehe auf seinen Rücken. Links steht auf einer Anzeigetafel: „Bitte nehmen Sie eine Wartemarke und setzen Sie sich ins Wartezimmer.“ Der Rentner kennt sich doch sicher aus – und er wartet am Tresen. Ich tue das gleiche. Die Türglocke schlägt. Eine alte, kleine Frau wetzt an mir vorüber, ergattert die Wartemarke 1 und setzt sich auf den einzigen Stuhl vorm Tresen. In diesem Moment erscheint eine Verkäuferin und fragt: „Wer bekommt? Wer war zuerst da?“ Ich weise auf den Mann, der aber, wie auch immer er es angestellt hat, bereits bedient wird. Ich sage: „Ich war zuerst da, habe aber keine Wartenummer gezogen.“ Die Oma sagt: „Das geht schnell, ich will nur was abholen.” „Na dann kommen Sie mal … und Sie können sich eine Wartenummer nehmen.“
Ich nehme das Schild mit dem Aufdruck „2“ und setze mich ins leere Wartezimmer. Eine Verkäuferin kommt vorbei. Sie schaut auf mein Schild. „Sie sind der nächste.“ Ein Verkäufer tritt aus einer Tür, hinter der offensichtlich eine Maschine läuft. Ich gebe ihm das Rezept. „Danke“, sagte er und dann nickt er. „Ja … da schauen wir mal … ja. Kommen Sie bitte mit.“
Ich stelle mich an den Tresen. Die fertige Frau lamentiert noch immer, die zweite Kundin probiert Schuhe an; der Rentner schaut zu, wie ein Zettel ausgefüllt wird, die alte Frau holt noch immer etwas ab. Ich gebe dem Verkäufer meine Krankenkassenkarte, der schaut sich mein Rezept an, zieht die Augenbrauen hoch, schnalzt mit den Lippen. Er geht zu einer anderen Verkäuferin, fragt sie etwas. Mit einer Mischung aus Unwillen und Ekel wirft sie einen vernichtenden Blick auf das Rezept, mit Schaum vor den Lippen beginnt sie energisch ihren Kopf zu schütteln. Ich stelle mir vor, wie sie sagt: „Wir sind doch nicht die Wohlfahrt.“
Der Mann kommt zurück. „Nun … ja … das Datum. Das Rezept ist schon vor sechs Wochen ausgestellt worden, es ist aber nur vier gültig. Da müssten Sie … könnten Sie nochmal zum Arzt gehen? Der muss das Datum ändern und unterschreiben und es stempeln. Weil, das ist ein Dokument, das dürfen wir nicht ändern.“ Ich presse die Lippen zusammen, nicke knapp, nuschle irgendwas und renne raus. In Anbetracht der wunderbaren Steifheit des medizinischen Orthopädiegewerbes, in dem noch der alte Geist, die blonde, starre Tugend steckt, wünsche ich mir den Kracht-Erzähler herbei mit all seinen verschrobenen, übertriebenen, dämlichen Nazi-Titulierungen …

Pils in Oberbärenburg

In Oberbärenburg ging ich, den zweiten Band der vierbändigen Johnson-Jahrestage-Ausgabe von Suhrkamp Leipzig in den Händen haltend, durch das Treppenhaus des Berghotels Friedrichshöhe hinab in den Gastraum, dessen Machtzentrum eine hölzerne Bar mit Schieferdachimitation und neckischen Kupferregenrinnen war. Hinter der Theke befanden sich Rezeption und Zapfanlage, ich setzte mich in die Nähe letzterer, in einen gepolsterten Rundbogen mit Rückenlehne. Mir gegenüber, am anderen Ende des Thekenrunds, saßen vier Männer, auf irgendeine Weise Teil des deutschen Junior-Bob-Skeleton-Rodel-Teams. So ganz hatte ich das nicht herausbekommen, sie trugen jeweils alle entsprechende Pullover und Jacken in Goldgelb mit dem Schriftzug „Deutschland“ darauf. Der Älteste von ihnen, er sah sehr nach einem Trainerhaudegen aus, setzte zur allgemeinen Belustigung im steten Wechsel eine Pudel- und Schirmmütze mit großem Nudossi-Werbeaufdruck auf. Als ich mir ein kleines Bier bestellt und mich Johnson zugewandt hatte, orderte einer der Männer launig „vier Hopfenkaltschalen“, ein Begriff, den ich schon ab und an gehört hatte. Trotzdem sagte ich am liebsten einfach „Bier“. Die Bedienung strahlte eine Mischung aus Unberechenbarkeit und Autorität aus, ihr Haar war rot gefärbt, ihre Augen waren mit türkiser Schminke überzogen und blitzten ab und zu, der Busen wogte im Dirndl, die langen Fingernägel schlugen klackend gegen Biergläser. Nun kannten sie die Männer, erhielten ihre Biere mit launigen Sprüchen, bekamen hier einen Klaps mit der Kladde und dort eine Ermahnung. Nur ich war außen vor … und mein Bierglas leer. Ich hatte zunächst auch nur eines trinken wollen, mich aber längst zu einem weiteren Bier durchgerungen, weil es so gut lief. Was war also zu tun? Rufen wollte ich nicht, denn es war mir unangenehm, so auf mich aufmerksam zu machen. Lange drehte sie mir ihren Rücken zu, dann aber geschah das Unverhoffte, sie blickte in meine Richtung und kam geradwegs auf mich zu. Ich hob schwach das leere Glas und schwenkte es vorsichtig hin und her. Aber was soll ich sagen? Sie sah glatt durch mich hindurch. Sie drehte ab, ich ließ das Glas sinken wie auch meine Augen und jede Hoffnung auf ein frisches Pils. Da hörte ich den Trainerhaudegen. Er sagte: „Chefin … du hast da eine Bestellung übersehen!“ „Was, wo?“, fragte sie. Der Trainerhaudegen wies mit dem Finger auf mich. Sie drehte sich um und sah mich prüfend an. „Der?“ Er nickte. „Aber der hat gar nichts gesagt.“ Sie trat vor mich. „Doch, er hat dir ein Zeichen gegeben.“ „Wirklich?“, fragt sie mich. Ich wurde rot und nickte. Da lachten die Männer, die Bedienung musterte mich mit einem verkniffenen Blick. „Da muss er schon was sagen, wenn er bestellen will.“ Aber die Mänade war gnädig und füllte geduldig mein neues Glas. Kurze Heiterkeit lag noch einen Moment um die Theke. Den Johnson rührte ich nicht mehr an. Ich wartete eine Weile, bis sich die Lage beruhigt hatte. Dann trank ich so unauffällig wie möglich mein Radeberger und hatte das Gefühl, dass es an diesem Abend, an dieser Theke besser schmeckte, als ich jemals angenommen hatte.