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Pils in Oberbärenburg

In Oberbärenburg ging ich, den zweiten Band der vierbändigen Johnson-Jahrestage-Ausgabe von Suhrkamp Leipzig in den Händen haltend, durch das Treppenhaus des Berghotels Friedrichshöhe hinab in den Gastraum, dessen Machtzentrum eine hölzerne Bar mit Schieferdachimitation und neckischen Kupferregenrinnen war. Hinter der Theke befanden sich Rezeption und Zapfanlage, ich setzte mich in die Nähe letzterer, in einen gepolsterten Rundbogen mit Rückenlehne. Mir gegenüber, am anderen Ende des Thekenrunds, saßen vier Männer, auf irgendeine Weise Teil des deutschen Junior-Bob-Skeleton-Rodel-Teams. So ganz hatte ich das nicht herausbekommen, sie trugen jeweils alle entsprechende Pullover und Jacken in Goldgelb mit dem Schriftzug „Deutschland“ darauf. Der Älteste von ihnen, er sah sehr nach einem Trainerhaudegen aus, setzte zur allgemeinen Belustigung im steten Wechsel eine Pudel- und Schirmmütze mit großem Nudossi-Werbeaufdruck auf. Als ich mir ein kleines Bier bestellt und mich Johnson zugewandt hatte, orderte einer der Männer launig „vier Hopfenkaltschalen“, ein Begriff, den ich schon ab und an gehört hatte. Trotzdem sagte ich am liebsten einfach „Bier“. Die Bedienung strahlte eine Mischung aus Unberechenbarkeit und Autorität aus, ihr Haar war rot gefärbt, ihre Augen waren mit türkiser Schminke überzogen und blitzten ab und zu, der Busen wogte im Dirndl, die langen Fingernägel schlugen klackend gegen Biergläser. Nun kannten sie die Männer, erhielten ihre Biere mit launigen Sprüchen, bekamen hier einen Klaps mit der Kladde und dort eine Ermahnung. Nur ich war außen vor … und mein Bierglas leer. Ich hatte zunächst auch nur eines trinken wollen, mich aber längst zu einem weiteren Bier durchgerungen, weil es so gut lief. Was war also zu tun? Rufen wollte ich nicht, denn es war mir unangenehm, so auf mich aufmerksam zu machen. Lange drehte sie mir ihren Rücken zu, dann aber geschah das Unverhoffte, sie blickte in meine Richtung und kam geradwegs auf mich zu. Ich hob schwach das leere Glas und schwenkte es vorsichtig hin und her. Aber was soll ich sagen? Sie sah glatt durch mich hindurch. Sie drehte ab, ich ließ das Glas sinken wie auch meine Augen und jede Hoffnung auf ein frisches Pils. Da hörte ich den Trainerhaudegen. Er sagte: „Chefin … du hast da eine Bestellung übersehen!“ „Was, wo?“, fragte sie. Der Trainerhaudegen wies mit dem Finger auf mich. Sie drehte sich um und sah mich prüfend an. „Der?“ Er nickte. „Aber der hat gar nichts gesagt.“ Sie trat vor mich. „Doch, er hat dir ein Zeichen gegeben.“ „Wirklich?“, fragt sie mich. Ich wurde rot und nickte. Da lachten die Männer, die Bedienung musterte mich mit einem verkniffenen Blick. „Da muss er schon was sagen, wenn er bestellen will.“ Aber die Mänade war gnädig und füllte geduldig mein neues Glas. Kurze Heiterkeit lag noch einen Moment um die Theke. Den Johnson rührte ich nicht mehr an. Ich wartete eine Weile, bis sich die Lage beruhigt hatte. Dann trank ich so unauffällig wie möglich mein Radeberger und hatte das Gefühl, dass es an diesem Abend, an dieser Theke besser schmeckte, als ich jemals angenommen hatte.