Manche Fehler gefährden die Gesundheit

Nein, an dieser Stelle wird kein Opa aufgrund eines Kommafehlers gegessen (wie z. B. hier). Die Sprache selbst kann ungelenk formuliert eine sehr bildliche Assoziation hervorrufen. Ein Beispiel dafür liefert dieser Satz von der Kontaktseite einer Arztpraxis:

Fahren Sie uns mit dem PKW an, nutzen Sie bitte das Parkhaus des Einkaufszentrums.

Klassisches Einsatzfeld für ein Lektorat im geschäftlichen Bereich (oder die redaktionelle Schlussbearbeitung einer Webseite). Denn auch ohne die akute Gefahr, dass das Praxisteam im Parkhaus überrollt wird, sollten sprachliche Zweideutigkeiten besser vermieden werden. In einem einfachen Korrekturdurchgang bliebe diese Formulierung allerdings unverändert. Denn Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung sind korrekt. In diesem Fall geht es stärker um den Inhalt bzw. den Stil.

Beitragsbild: My favorite: Scene of the crime – best chalk drawing von Kathy unter der Lizenz CC BY 2.0.

Schöne Fehler im April

Ja, ich weiß, der Monat steht noch ganz am Anfang. Trotzdem kommen hier direkt ein paar Fehlerperlen aus dem Arbeitsalltag im Lektorat.

Auf einer Firmenseite präsentiert sich ein Unternehmen:

Seit Ihrer Gründung im Jahr 1990, ist die Firma XXX ihr kompetenter Partner für …

Erstaunlicherweise ist die Groß- und Kleinschreibung des Wortes „ihr“ spiegelbildlich verkehrt. Nicht der Leser oder die Leserin wurde im Jahr 1990 gegründet, und das Possessiv „Ihr“ bezieht sich hier auf die Höflichkeitsanrede Sie, darum wird es großgeschrieben.

Fördern und fordern

In einer Stellenausschreibung soll verdeutlicht werden, dass ein Unternehmen viel für seine Mitarbeiter tut:

Wir fördern und bilden unsere Mitarbeiter steht’s weiter.

Nun kann man auch heute noch vielleicht ganz cool fragen: Wie gehts, wie stehts? (Meinetwegen übrigens auch gern mit Apostroph.) Stets ohne h und ohne Apostroph schreibt man aber das Wörtchen, das der Bedeutung von immer entspricht. Der Lektor, nein, sogar der Korrektor, könnte sich an dieser Stelle allerdings fragen, ob man seine Mitarbeiter stets weiter fördern sollte oder ob diese Wendung eher für den Transport geeignet ist. Jedenfalls reicht es völlig aus, Mitarbeiter stets zu fördern, das weiter braucht es dabei nicht.

Und auch die Masochisten kommen noch auf ihre Kosten

Was der Korrektor ignoriert und den Lektor umtreibt …

… sind Sätze wie dieser: [Der Kurs bringt Teilnehmer hervor], die dank dieser Vorbereitung die schriftliche und mündliche Prüfung selbstbewusst und erfolgreich antreten können.
Dieser Satz ist Bestandteil einer Werbung für eine Schulung/Weiterbildung mit Abschlussprüfung. Es ist eine dieser Standardformulierungen, über die man schnell hinweg liest, und vielleicht nickt man dabei ganz leicht mit dem Kopf. Nur preist der Satz jedoch bloß eine Leistung an, die jeder durchschnittliche Weckerhersteller für sich reklamieren könnte. Die Prüfung erfolgreich anzutreten heißt erst mal nichts anderes, als anwesend zu sein – und das in diesem Fall selbstbewusst. Wer es also nicht schafft, morgens aus den Federn zu kommen, der kann einen Kurs für mehrere 100 Euro buchen und dann garantiert erfolgreich seine Prüfung antreten. Oder sich einen Wecker kaufen.

Wenn sich Lektoren Trinkspiele ausdächten …

Wer kennt es nicht, das schöne Spiel, das allabendlich hunderte von Lektoren am heimischen Wohnzimmertisch genauso spielen wie in überfüllten Kneipen: Fehlerbingo. Für jeden gefundenen Fehler muss man einen Schnaps trinken, für jeden nicht gefundenen zwei. Ganz klar, dass nach der letzten Runde mit dem hier abgebildeten Text etliche Arbeitsplätze am nächsten Tag leer blieben:

Vergleichbar mit Strandbadegäste . Rumliegen , sonnen und andere Beobachten .

Ein Text, der von Fehler nur so strotzt. Gehört eigentlich ins Lektorat Berlin.

Aber im Ernst: Bei einer solchen Fehlerdichte kann man nicht mehr nach Normseiten berechnen. Hier ginge es nur mit einer Stundenpauschale. Obwohl ich stark bezweifle, dass jemand, der einen solchen Text der Öffentlichkeit verfügbar macht, überhaupt an einer Korrektur interessiert wäre.

Gewinnspielsieger und Fehlerlese

Die Gewinner sind gezogen! All diejenigen, denen das Losglück nicht hold war, können sich damit trösten, dass ich für den moses. Verlag momentan ein weiteres Quizkartenspiel lektoriere. Und neue Beiträge gibt es natürlich auch.

Manchmal sieht man Fehler auf den ersten Blick – auch im Supermarkt. Diesmal habe ich Vertreter aus den Bereichen Grammatik und Kontext zu bieten.

Alles Käse?

Biohersteller werben damit, sich besondere Mühe mit ihren Produkten zu geben. Das stimmt sicher auch. Mit der Grammatik hapert es allerdings ein wenig auf dieser Käseverpackung, auf die ich wohl erst durch den großen, roten Rabattpunkt aufmerksam geworden bin. In einer Art Checkliste zählt der Hersteller auf, was an seinem Produkt so gut ist:

  • würzig & aromatisch im Geschmack
  • mit Bergblumensud gepflegter Rinde*
  • mit mikrobiellem Lab hergestellt

Eine Packung Biokäse mit grammatisch falschem Aufdruck.

Das Sternchen markiert den Fehler. Damit die Formulierung in dieser Form richtig wäre, müsste man ein zweites „mit“ einfügen. Oder man schreibt: mit Bergblumensud gepflegte Rinde. Wenn man einmal eingreift, sollte man allerdings ohnehin etwas Ordnung in die Aufzählung bringen. Am besten wäre dabei: Rinde mit Bergblumensud gepflegt. Zwar beziehen sich alle Punkte auf etwas Übergeordnetes, durch die Rinde in der Mitte bleibt es aber eine etwas unrunde Angelegenheit. Also erwähnt man sie am besten gleich am Anfang. Unrund wirkt übrigens auch der Einsatz des Wörtchens „Bio“. Es kann nämlich ganz normal mit anderen Wörtern verkuppelt werden, dafür braucht es keinen Bindestrich. Und wenn man nicht verzichten will, muss es einheitlich sein: Der Bindestrich beim Bio Bergblumenkäse* wird durch den Umbruch keinesfalls überflüssig.

Wunschträume

Werbung und Marken sollen in den Köpfen der Verbraucher Bilder entstehen lassen. Im Falle der Edeka-Mango geht es dabei ganz weit weg – in die Regionen, in denen man sich die Frucht in stickiger, feuchter Schwüle vorstellt. Mit der Machete arbeitet man sich vor, schlägt einen Weg durch das Gestrüpp und steht … mitten in einem Glasgewächshaus. Aus der Tropentraum. Die Sonne lacht in Spanien. Hätten das mal Joseph Conrad gewusst oder Werner Herzog: „Heart of Darkness“ mitten in Europa, und mit „Fitzcarraldo“ wäre es auch einfacher gewesen.
Manche Marken existieren nicht überzeitlich, sondern sollten auch schon in der Planung daraufhin geprüft werden, in welchen Kontexten sie vielleicht unpassend oder im schlimmsten Falle unwahr wirken könnten.

Eine "Tropenmango" aus Spanien, hier stimmt der Kontext nicht..

Der guten Ordnung halber zum Schluss: Gewonnen haben beim Gewinnspiel A. Schmidt und M. Weyrauch.

Warum man “geschlossene” Lokale ohne schlechtes Gewissen aufsuchen darf

Anführungszeichen werfen in der Rechtschreibwelt lange Schatten. Oder vielleicht sogar Halbschatten, wenn ich recht darüber nachdenke. Und damit meine ich keineswegs nur die halben Anführungen. Dass es in wissenschaftlichen Arbeiten häufig drunter und drüber geht, habe ich ja schon in einem anderen Beitrag gezeigt. Und auch in Romanen grassiert die Liebe zu halben Anführungszeichen, um ein bestimmtes Wort auszuzeichnen. In dieses Durcheinander treten nun noch diejenigen, die Anführungsstriche im öffentlichen Raum einsetzen. Die Zuneigung zum Besucher führt unter anderem zu einer übermäßigen Verwendung falsch gesetzter Anführungszeichen. Und die haben das Zeug dazu, typografisch Versierte in den Wahnsinn zu treiben.

Ironie, Wortspiel, Übertragung – in der Werbung möglich, in Informationen unüblich

Kennzeichnen die Anführungsstriche in Hausarbeiten Zitate und in der Literatur die wörtliche Rede, sind sie auf Informationstafeln meist nur als Hervorhebung denkbar. Denn wenn sie einzelne Wörter, die Namen, Titel, Marken oder Ähnliches sein können, nicht hervorheben, dann markieren sie sie als ungewöhnlich. Ironie, Übertragung, Wortspiel – das sind die Kategorien, in denen sich die Anführungszeichen dann bewegen. Dann kann man schreiben: „Dort gab es echten ‚Service‘. 1 von 5 Sternen.“ Oder man lobt den „innovativen“ Küchenchef, der Schnitzel und Buletten brät. Für eine sachliche Information mit einem Wort, das keine besondere Eigenheit aufweist, also absolut unbrauchbar.

Trügerischer Ruhetag im Wirtshaus „Zum Gänsefüßchen“

Und doch: „Geschlossen.“ Also eigentlich auf. Oder nur „Geschlossen“ für diejenigen, die die Bedeutung von Anführungszeichen nicht kennen? Vielleicht ein Typografiestammtisch, ein Geheimzirkel, eine Loge der Zeichensetzung, der nur Gäste mit geschultem Auge einlassen will? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich einfach falsch gesetzte Anführungszeichen. Schmecken kann’s ja trotzdem.