Ich bin gefahren/ich habe gefahren: Bildung des Perfekts mit haben oder sein

Unfallfrei durch den Verkehr zu kommen hat selten etwas damit zu tun, ob man gefahren ist oder gefahren hat. Die Formulierung „Ich habe zum Schloss gefahren“ klingt dagegen tatsächlich wie ein sprachlicher Totalschaden. Wann bilden Verben das Perfekt mit sein und wann mit haben? Wem der Blick des Lektorats zu engstirnig ist, der kann mit Erich Fromm auch auf das große Ganze blicken. Kurz und knapp findet sich die sprachbezogene Antwort wie immer in der Karacho-Box.

Die meisten Verben bilden das Perfekt Aktiv mit haben: Ich habe gegessen zum Beispiel. Einige intransitive (nicht zielende, das heißt kein persönliches Passiv bildende, kein Akkusativobjekt nach sich ziehende Verben) bilden das Perfekt mit sein, wenn ein Zustandswechsel angezeigt wird: Der Wanderer bricht auf. (Perfekt:) Er ist aufgebrochen. Ich stehe ja schon auf.

Ich bin gefahren und ich habe gefahren: Bewegungsverben können das Perfekt mit haben oder sein bilden

Kommen wir nun gleich zur der in der Einleitung formulierten Frage. Zunächst ist es möglich, Bewegungsverben sowohl mit haben als auch mit sein zu bilden: Ich bin gejoggt. Ich habe gejoggt.

Ich bin zum Supermarkt gefahren: Richtungsangaben werden generell mit sein gebildet

Wird das Bewegungsverb allerdings mit einer bestimmten Richtung verbunden, wird sein verwendet. Ich bin in Berlin zum Alexanderplatz gejoggt. Die Verben gehen, reisen und laufen werden generell mit sein gebildet.

Tendenziell häufiger: Ich bin gefahren

Mit Bewegungsverben verhält es sich in etwa wie mit dem Titel von Erich Fromms Buch „Vom Haben zum Sein“.
Sein wird in der Bildung bevorzugt, wichtig ist bloß, dass man mit den Verben eine Richtungsangabe verbinden kann. In einigen Fällen kann die Verwendung von sein oder haben aber auch unterschiedliche Bedeutungen suggerieren: Ich bin geflogen (als Passagier). Ich habe geflogen (als Pilot). Ich bin gefahren (als Beifahrer). Ich habe gefahren (als Fahrer). Auch beim Verb bummeln ist dies recht einleuchtend: Kommt meine Verabredung zu spät, so wäre es erfrischend, wenn sie, statt die Verantwortung auf Bus, Bahn usw. abzuschieben, einfach riefe: „Sorry, ich habe gebummelt!“ Am Ende eines langen Einkaufstages, nach Nudelbox und Eisbecher, pünktlich zum Film um 20:15 Uhr, ruft man hingegen erschöpft und möglicherweise glücklich: „Ach, was waren wir heute schön bummeln.“

Die Spätzle sind in der Schüssel gelegen

In Süddeutschland heißt es übrigens: Die Linsen sind im Eintopf gelegen, die Schüler sind gesessen und die Leute sind an der Bushaltestelle gestanden. (In Norddeutschland verwendet man dafür haben). Auch die Wendung: In diesem Teich hat es viele Fische, statt, gibt es, ist süddeutsch.

Harte Fakten: Die Zusammenfassung am Karacho-Montag

Intransitive Verben bilden das Perfekt mit sein, wenn ein Zustandswechsel erfolgt: Die Rosen welken. Die Rosen sind verwelkt.

Bewegungsverben werden mit haben oder sein gebildet. Richtungsangaben erfolgen immer mit sein. Die Tendenz geht dazu, Bewegungsverben, mit denen einen Richtungsangabe möglich ist, mit sein zu bilden. Wir sind geschwommen oder wir haben geschwommen. Wir sind zu der kleinen Insel geschwommen.

Beitragsbild: omg! von blondinrikard unter der Lizenz CC BY 2.0.

Wissenswertes zur Konjunktion „und“ sowie zum Et-Zeichen

Das Et-Zeichen (&) darf nur in Firmennamen verwendet werden, vor und kann ein Komma stehen und etc. spielt an diesem Karacho-Montag auch noch eine Rolle. Das Ganze kompakt und in einer tollen grünen Box in der Zusammenfassung dieses Beitrags.

Na und?

Und ist wie oder ein Bindewort, eine Konjunktion, die zwischen Wörtern, Wortgruppen und Sätzen stehen kann. Der Einsatz von und bereitet wenig Probleme, da gibt es auch im Lektorat wenig zu tun. Interessant ist vielleicht, dass und durch sowie bei der Verbindung von bloß zwei Gliedern nicht ersetzt werden sollte. Will man etwas nachträglich ergänzen – alle Professoren und auch die Studenten sind eingeladen (möglich wäre auch: sowie die Studenten) – oder sollen Wiederholungen vermieden werden, ist der Einsatz von sowie durchaus zu vertreten. Ich kaufte im Laden Brot, Milch und Käse sowie einen Laib Brot.
Ganz interessant ist auch die Frage nach dem Komma vor und: Gelegentlich wird ja auf die Regel geschworen, dass vor und nie ein Komma gehört. Dem ist in folgenden Fällen nicht so:

  • Geht eine Apposition voraus, wird diese in Kommas eingeschlossen: Thomas, mein Bruder, und ich holten Kohlen und Holz zum Heizen aus dem Keller.
  • Geht ein untergeordneter Schaltsatz voraus oder eine wörtliche Wiedergabe, wird ebenfalls ein Komma gesetzt: Meine Tasche, die ich sehr mochte, ist auf dem Flug verloren gegangen. Ich rief: „Achtung, sie müssen aufpassen“, und die Leute sprangen Gott sei Dank zur Seite. Dies trifft ebenfalls zu, wenn und einen Schaltsatz oder eine nachgestellte Erläuterung einleitet: Meine Mutter, und das wissen wenige, mag keine Schokolade. Er kam viel zu spät zum Spiel, und noch dazu völlig betrunken.
  • Ein Komma wird auch bei einer vorausgehenden Infinitivgruppe gesetzt: Wir hoffen, ihren Geschmack getroffen zu haben, und wünschen alles Gute.
  • Schließlich setzt man ein Komma, wenn und einen Nebensatz einleitet oder Teil einer Stellungnahme ist: Er trinkt schon den ganzen Tag, und wie [er trinkt]! Ich gehe jetzt, und dass du mir auch schön artig bist!

Außerdem gibt es Fälle, in denen man ein Komma freiwillig vor und setzen kann, zum Beispiel, um Missverständnisse zu vermeiden. Er sah den Garten[,] und seine Frau bräunte sich. Auch in einem anderen Fall spielt und eine, wenn auch gedachte, Rolle für die Kommasetzung: Bei der Frage, ob zwischen Adjektiven, die sich auf ein Substantiv beziehen, ein Komma gesetzt werden muss, gilt die Regel: Wenn man ein und einsetzen könnte, ist das Komma richtig. Ein großer, brauner Hund meint einen großen und braunen Hund. Der Satzteil ein großer brauner Hund beschäftigt sich hingegen mit allen großen braunen Hunden, nicht aber mit den kleinen braunen.

&: Das Et-Zeichen, das eigentlich Firmennamen vorbehalten ist

Man sieht es in Firmennamen, aber auch in Aufzählungen, Listen oder informativen Texten: das Et-Zeichen, auch Kaufmanns-Und genannt. Der Duden bezeichnet es als „verschnörkelte Schreibung des lateinischen Wortes et“, was und bedeutet. Es existiert schon seit dem Mittelalter. Et kommt dabei auch im Wörtchen et cetera (und so weiter) und in et alii (et al.) vor, was und andere bedeutet und in wissenschaftlichen Arbeiten verwendet wird, wenn ein Buch drei oder mehr Herausgeber hat.

Eigentlich gehört das Et-Zeichen nur in Firmenbezeichnungen. Man sieht es inzwischen allerdings allerorten, wahrscheinlich, weil es dynamisch und schwungvoll wirkt. Sprachevolutionär wäre es damit vielleicht an der Zeit, das Kaufmanns-Und auch für Werbeschilder und in stichpunktartigen Aufzählungen freizugeben – dort erscheint es mir jedenfalls am ehesten angebracht. Bis dahin wird es in der Korrektur bzw. im Lektorat ersetzt, was zumindest bei mir in der Praxis sehr häufig vorkommt. Die offizielle Abkürzung ist übrigens u. – allerdings spart man dabei nicht viel ein und auch optisch ist diese Schreibung eher unschön. Also, wenn ich eine gespaltene Persönlichkeit wäre: Lektoren Wöllecke & Wöllecke. Wenn mein anderes Ich aber Werkstattbesitzer wäre und im April eine große Aktion ankündigte: Nur diese Woche: Wartung und Winterreifenwechsel in einem!

Harte Fakten: Die Zusammenfassung am Karacho-Montag

Und wird durch wie u. sowie nur dann ersetzt, wenn etwas nachträglich ergänzt oder eine Wiederholung vermieden werden soll: Alle Frauen sowie alle Männer sind zum Häkelabend eingeladen.

Ein Komma wird vor und gesetzt, wenn es einen Nebensatz einleitet oder Teil einer Stellungnahme ist, wenn vorausgehende Infinitivgruppen u. Appositionen in Kommas eingeschlossen werden, wenn ein untergeordneter Schaltsatz oder eine wörtliche Wiedergabe vorausgehen. Ein Komma kann auch nötig sein, um Missverständnisse zu vermeiden: Gestern habe ich meine Mutter angerufen[,] und meine Frau kochte währenddessen.

Das Et-Zeichen (Kaufmanns-Und: &) wird nur in Firmennamen verwendet. Es darf darüber hinaus nicht genutzt werden, um und zu ersetzen. Die offizielle Abkürzung lautet u. In der Korrektur würde ich & aber immer durch und ersetzen.

 

Nächste Woche stellt sich der Karacho-Montag der Frage, ob es „Ich bin gejoggt“ oder „Ich habe gejoggt“ heißt. Dazu werde ich erläutern, welche Verben das Perfekt Aktiv mit haben oder sein bilden und welche regionalsprachlichen Besonderheiten es gibt.

 

Beitragsbild: Ampersand von Matthew M. unter der Lizenz CC BY-SA 2.0.

Komma beim Infinitiv mit zu: Wann wird es gesetzt?

Der heutige Karacho-Montag blickt auf die Kommasetzung bei Infinitivgruppen. Wann steht ein bei einem Infinitiv mit zu ein Komma? Wann steht kein Komma beim Infinitiv mit zu? Statt ins Kino zu gehen können Sie sich also mit meinem Text über die Kommas martern und erfahren, warum ich im Text des Beitragsbildes lieber ein Komma gesetzt hätte. Die Foltersitzung im Schnelldurchlauf gibt es auch als Zusammenfassung.

Der Vorgang, Infinitivgruppen mit Kommas abzutrennen, orientiert sich im Kern ein bisschen am ganz frühen Werbeverhalten in Liebesdingen: dem Zettelchen mit Ankreuzmöglichkeit. Mit den drei möglichen populären Antwortkästchen Ja, Nein, Vielleicht kommen wir auch bei den Infinitiven weiter. Weiß nicht ist zumindest in diesem Beitrag keine Option.

Komma beim Infinitiv mit zu: Ja, ich will ein Komma bei Infinitivgruppen setzen

Infinitivgruppen, die durch ein Komma abgetrennt werden müssen, werden durch als, anstatt, außer, um, ohne, statt eingeleitet. „Ich ging lieber ins Kino, statt etwas über Kommas zu lesen.“ Auch Verbindungen mit einem Substantiv fordern ein Komma: „Es bereitet mir Kummer, dir zuzuhören. Mein Wunsch ist, dich zu verlassen.“ Schließlich gibt es auch hinweisende Wörter, die den Infinitiv ankündigen oder wiederaufnehmen. Auch diese Verbindungen werden mit Kommas abgetrennt. Natürlich denke ich daran, dir morgen zu schreiben. Es macht mir nichts aus, auf dich zu warten. Auf dich zu warten, das ist mein größtes Vergnügen. (Hinweisende Wörter sind u. a.: daran, darum, darauf; es, das, dies.) In all diesen Fällen steht verpflichtend ein Komma vor dem Infinitiv mit zu.

Infinitiv mit zu: Nein, ich will kein Komma setzen

Es gibt auch Fälle, in denen kein Komma gesetzt werden darf. Dies betrifft zum Beispiel Sätze, in denen die Infinitivgruppe in eine verbale Klammer einbezogen ist: Er hat nicht anzurufen gewagt. Ich will dir dieses Beispiel zu erläutern versuchen. Ebenfalls kein Komma setzt man, wenn ein Hauptsatz umschlossen wird. Dies geschieht bei der sogenannten Spitzenstellung. Aus dem Satz Ich bitte Sie[,] mir dieses Geld zu überweisen wird in Spitzenstellung: Dieses Geld bitte ich Sie mir zu überweisen. Die Spitzenstellung findet sich häufig in Geschäftsbriefen und wirkt relativ steif. Auch bei Verschränkung mit dem Begleitsatz wird kein Komma gesetzt. Also: Er wagte nicht[,] das Auto zu nehmen aber Er wagte das Auto nicht zu nehmen.
Hängt der Infinitiv von einem Hilfsverb ab, wird ebenfalls kein Komma gesetzt, denn die Verbindung bildet das Prädikat des übergeordneten Satzes. Dies betrifft Verben wie sein, pflegen, brauchen, haben, scheinen; sowie drohen (Gefahr laufen) und versprechen (den Anschein erwecken), vermögen, verstehen und wissen (im Sinne von können). Er war nicht einzuschüchtern. Wir haben zu danken. Er schien kein Interesse zu haben. Er drohte abzustürzen. Ich vermochte es nicht zu verhindern. Mit anderen Verben wie anfangen, aufhören, bitten, denken, fürchten etc. kommen wir übrigens direkt zum dritten und letzten Kästchen.

Ich will … vielleicht … ein Komma setzen …?

Bei anfangen und den anderen Verben ist nicht klar, ob sie sich der Infinitivgruppe als Hilfs- oder Vollverben anschließen. Darum ist die Kommasetzung freigestellt. Man entscheidet danach, ob man die Personalform als eigenständig ansieht (mit Komma) oder die enge Zusammengehörigkeit von Personalform und Infinitiv betont: Lass uns anfangen ihn zu suchen. oder Lass uns anfangen, ihn zu suchen. Generell gilt diese Freiheit der Kommasetzung für alle bloßen Infinitive mit zu. Kommas sollte man setzen, um Sätze zu strukturieren oder (vorübergehende) Missverständnisse beim Lesen zu vermeiden. Dabei ist auch Länge der Wortgruppe entscheidend. Ich beschloss[,] zu gehen. Aber: Ich beschloss, mit meinen vielen Freunden noch auf ein paar wenige Bierchen und Erdnüsse in unsere Lieblingspilskneipe zu gehen. Wie im Kommentar durch „Klausens“ bemerkt, sind die Kommas im folgenden Satz verpflichtend (ich hatte sie zuerst als optional dargestellt), da die Infinitivgruppe von einem Substantiv abhängt: Sein Wunsch, mich zu sehen, war maßlos. Ist die Infinitivgruppe eingeschoben, muss man darauf achten, entweder beide Kommas oder gar keins zu setzen. Dazu habe ich auch schon etwas an einem anderen Karacho-Montag geschrieben.
Im Einleitungstext des Deutschlandfunks wäre ein Komma – an sich – günstig, damit man beim Lesen nicht stolpert: Es käme derzeit gut an, sich … Schließlich legen journalistische wie auch Werbetexte Wert auf Verständlichkeit und gute Lesbarkeit. Zwingend ist das Komma natürlich trotzdem nicht.

Häufig bieten Infinitivgruppen also die Möglichkeit, sich bei der Kommasetzung ganz frei zu entfalten. Man muss gar nicht fest zu- oder absagen. Und Menschen, die ganz klare Nein-Regeln wollen, könnten die Nichtkommasetzung durch bestimmte Wortstellungen oder die Abhängigkeit von Hilfsverben sogar gezielt herbeiführen. Explizit werden Kommas hingegen bei hinweisenden Wörtern oder Subjektivbezug gesetzt. Bloß ob man das alles im Kopf behalten kann und will? Genau wie es die Zettelwirtschaft in Liebesdingen war, kann es sehr hin und wieder sehr anstrengend sein, beim Infinitiv mit zu ein Komma. Nachschauen lohnt sich immer wieder.

Harte Fakten: Die Zusammenfassung am Karacho-Montag

Kommasetzung bei Infinitivgruppen

Komma bei Infinitiv mit zu zwingend: Bei einleitenden Wörtern wie als, anstatt, außer, um, ohne, statt, bei hinweisenden Wörtern der Einleitung oder Wiederaufnahme – daran, darum, darauf, es, das, dies – und bei Substantivbezug. Er versagte, anstatt zu überzeugen. Es war krank, daran gab es nichts zu rütteln. Es ist mein Wunsch, bei dir zu sein.

Kein Komma bei Infinitiv mit zu: Bei bestimmten Wortstellungen: (1) Verbale Klammer, (2) Spitzenstellung, (3) Verschränkung mit dem Begleitsatz: (1) Sie hat nicht zu singen verstanden. (2) Den Brief beschloss er sofort zu versenden. (3) Sie wagte den Brief nicht zu versenden.
Bei Abhängigkeit von bestimmten Hilfsverben (sein, haben, brauchen, pflegen, scheinen) und der Wendung es gibt. Wir brauchen sie nicht anzurufen. Es gibt nicht genug zu tun.

Infinitiv-Komma fakultativ: Bei allen einfachen Infinitivformen mit zu. Man setzt Kommas, um Missverständnisse zu vermeiden oder Sätze zu strukturieren, insbesondere bei langen Wortgruppen. Also: Ich freue mich später Bier zu trinken. Ich freue mich, später in meiner Lieblingskneipe in der Wiclefstraße mit meinen Freunden Ole, Klaus und Heidi bei guter Musik Bier zu trinken.

 

Er beschloss weiterzumachen: Nächstes Mal gibt es hier ein paar Sätze zur Konjunktion und sowie dem zugehörigen Et-Zeichen.

Schrägstriche, Abkürzungen, Infinitivkommasetzung: Fünf Fehler, die beim Korrigieren immer wieder auftauchen

Schokolade und gefärbte Eier habe ich immer gern gesucht. Vielleicht kommt daher auch der Drang, Fehler im Lektorat aufzuspüren. Und das sogar ganzjährig. Anders als oben ist es nicht unbedingt die Grammatik, die vielen Menschen Probleme bereitet. Fünf Beispiele, denen man als Lektor häufiger begegnet, habe ich für diese Karacho-Ostermontagsausgabe kurz aufbereitet und mit Erklärungen versehen.

1. Der Schrägstrich

Der Duden beschreibt ihn als „von rechts oben nach links unten verlaufender Strich zwischen zwei Wörtern oder Zahlen zum Ausdruck einer Alternative oder einer Zusammengehörigkeit“. Der Schrägstrich, der nur im weitesten Sinne ein Satzzeichen ist, wirft oft folgende Frage auf: mit oder ohne Leerschritt? Tatsächlich gibt es dazu keine verbindlichen Regeln. Empfohlen wird häufig die Verwendung ohne Leerschritte zwischen zwei Einzelwörtern und mit Leerschritten ab jeweils zwei Wörtern bzw. Wortgruppen. Also: Welpe/Hund aber geeignet für alle Kätzchen / für manche Katzen. Auch dies ist jedoch nur eine mögliche Empfehlung; aufgrund der Einheitlichkeit entferne ich zum Beispiel generell alle Leerschritte bei Schrägstrichen.

Das Bild zeigt ein Firmenschild auf dem der Schrägstrich einmal mit und einmal ohne Leerschritte verwendet wird.
In der Regel gibt es bei Schrägstrichen keinen Leerschritt. Falsch ist er nicht. Auf Einheitlichkeit sollte man jedoch schon achten. Und ja: Der Bindestrich in der obersten Zeile ist eigentlich auch unnötig – und in jedem Fall zu lang.

2. Leerschritte bei Abkürzungen und Auslassungspunkten

Wo wir gerade beim Thema Leerschritte sind: Diese sind auch in Abkürzungen wie z. B. oder e. V. zu finden. Die Abstände bleiben dabei einfach so, als wäre das Wort ausgeschrieben. Oder Ähnliches wird u. a. auch auf diese Weise abgekürzt: o. Ä. Auch Auslassungspunkte werden, egal ob am Anfang, in der Mitte oder am Ende, immer mit Leerschritt zum Wort gesetzt … Die richtige Leerschrittverwendung bei Gedanken- und Bindestrichen habe ich übrigens letzte Woche im Blog beschrieben.

3. Einheitlichkeit von Schreibungen

Mit Hilfe der Geografie und meiner Hrsg. wollte ich es noch mal wissen. Nein, aus dem Lektor wird an dieser Stelle kein im Sachbuchverlag erscheinender Reiseratgeber. Überhaupt bleibt der Inhalt hier völlig auf der Strecke. Spätestens wenn ich den folgenden Satz schreibe: Mithilfe der Geographie und meiner Hg. wollte ich es nochmal wissen, wird klar, worauf ich hinauswill.
Des Öfteren gibt es in der Rechtschreibung zwei oder mehr zulässige Schreibungen. Im Lektorat einigt man sich meist vorab auf eine Variante, ich richte mich nach den Empfehlungen des aktuellen Dudens. Wichtig ist aber, dass man eine einheitliche Schreibung wählt. Gerade in den Literaturverzeichnissen wissenschaftlicher Arbeiten finden sich häufig die Schreibweisen Hg. und Hrsg. auf ein und derselben Seite. In Fließtexten gibt es dafür häufig andere Fehlerpotenziale (Fehlerpotentiale), z. B. das Wort selbstständig (selbständig).

4. Komma bei eingeschobenen Infinitivgruppen

Eine von vielen möglichen Kommaproblematiken soll an dieser Stelle ins Licht gerückt werden. Bei einfachen Infinitivkonstruktionen mit zu ist die Kommasetzung freigestellt: Sein Wunsch[,] nach Berlin weiterzufahren[,] war endgültig passé (oder passee). Die generelle Empfehlung lautet hier, dass Kommas gesetzt werden sollten, um Sätze zu strukturieren und Missverständnisse zu vermeiden. Gerade bei kurzen Infinitivsätzen ist das Weglassen aber durchaus möglich. Egal wie man sich entscheidet: Bei eingeschobenen Wortgruppen ist es wichtig, dass man sich auch für Einheitlichkeit entscheidet: Wird das erste Komma gesetzt, muss auch das zweite gesetzt werden, und umgekehrt. Also: Ich glaubte, zu gewinnen, und freute mich schon oder Ich glaubte zu gewinnen und freute mich schon.

5. Jahresangaben nach englischsprachigem Vorbild? In 2016/Im Jahr 2016

Heiß umstritten ist unter Lektorinnen und Lektoren die Schreibung in 2016. Nicht zuletzt, weil im Jahr 2016 nicht wesentlich umständlicher ist. Viele sprechen sich darum konsequent dagegen aus, diese Schreibung in Texten zu akzeptieren. Einige der Kolleginnen sind pragmatischer und behalten die Schreibung in Texten/Bereichen bei, in denen sie bereits als akzeptiert und alltäglich gilt: in Wirtschafstexten wie Jahres- und Konzernabschlüssen zum Beispiel. Ich bin (inzwischen) im Lager der Pragmatiker. Man kann und will seine Unternehmenskunden ohnehin nicht erziehen. Anders sieht die Sache vielleicht in der Zusammenarbeit von Lektor und Autor aus.

Die Mehrzahl der hier vorgestellten Fälle hat also etwas mit den Möglichkeiten von Rechtschreibung und ihrer konstanten Verwendung zu tun. Dafür muss man die Regeln und Alternativen kennen. Das ist auch für mich ein Feld, in dem ich mich regelmäßig bewegen muss, um auf dem Laufenden zu bleiben. Niemand hat immer alles im Kopf und darum sitzt man als Lektor/-in oft genug vor einschlägiger Literatur zum Thema. Nicht zuletzt sind viele der Konventionen schlicht vereinbart und verabredet: Verschiebungen und Veränderungen bleiben nicht aus, das ist schon immer das Wesen der Sprache gewesen, auch bevor es einen Begriff wie Globalisierung gab. Ich halte es darum für die Aufgabe eines guten Lektors, stets eine Balance zwischen Öffnung und Abschließung zu finden, wenn es um die Veränderungen im Bereich der Sprach- und Rechtschreibregeln geht.

Harte Fakten: Die Zusammenfassung am Karacho-Montag

1. Bei Schrägstrichen keine Leerschritte: Katze​/​Hund​/​Meerschwein.
2. Dagegen Leerschritte bei Abkürzungen und Auslassungspunkten: e. V., z. B.;
Ich wollte nur … ach nichts. Schon gut …

3. Einheitlichkeit: Geografie, noch mal, potenziell oder Geographie, nochmal, potentiell.
4. Bei eingeschobenen Infinitivwortgruppen entweder keine oder beide Kommas setzen: Er glaubte, zu wissen, worum es in der Zusammenfassung ging, aber dem war nicht so.
5. Die dem Englischen entlehnte Formulierung in 2016 ist im Wirtschaftsbereich inzwischen üblich und muss dementsprechend, je nach Kontext, kein Fall für die Korrektur sein.

 

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Etwas, was – ein Schiff, das: Gebrauch der Relativpronomen

Nach einem in vielerlei Hinsicht trüben Wochenende befasst sich dieser sonnige Karacho-Montag mit etwas, was hin und wieder für Irritationen sorgt: dem Gebrauch der Relativpronomen das und was. Für alle, die bloß einen schnellen Blick riskieren wollen, gibt es hier die übliche Karacho-Zusammenfassung.

Moment mal: etwas, was?

Auch wenn es für viele Menschen, nicht zuletzt wegen der Wiederholung, falsch klingt, ist diese Formulierung standardsprachlich und regelkonform. Dies gilt auch in Verbindung mit einem substantivierten Adjektiv: etwas Erschütterndes, was uns neulich begegnete. Zur Vermeidung der Wiederholung oder wenn man etwas Einzelnes betonen will, ist auch die Formulierung etwas, das möglich. Aber schauen wir uns zunächst die Grundlagen an.

Was sind Relativpronomen?

Relativpronomen leiten Nebensätze ein, sie beziehen den sogenannten Relativsatz auf übergeordnete Substantive oder Pronomen. In diese Kategorie fallen zum Beispiel auch der, die, das bzw. welcher, welche, welches. Diese Relativpronomen sind übrigens ein Dauerbrenner im Lektorat, fast in jedem Text begegnen einem Formulierungen wie „Ein Mann, welcher sein Hobby liebte“ oder „Eine Frau, welche die Kunst liebte“. Besonders im zweiten Beispiel wird welche zur Vermeidung einer Wiederholung eingesetzt. Da die Relativpronomen welche, welcher, welches oft schwerfällig wirken, werden sie in der Korrektur im Allgemeinen durch der, die, das ersetzt. „Ein Mann, der sein Hobby liebte.“ „Eine Frau, die die Kunst liebte“.

Kleine Regelkunde – Vom was …

Aber zurück zu unseren Relativpronomen das und was. Dass es: „Es gibt ein Haus, das ich liebe“, aber „Es gibt manches, was ich hasse“ heißt, hängt von der Art des Wortes ab, auf das sich die Relativpronomen beziehen. Wie wir schon gesehen haben, folgt auf etwas das Relativpronomen was. Es steht auch in Beziehung zu folgenden Bezugsworten: (1) substantivierten Adjektiven (Partizipien), die Allgemeines, Unbestimmtes oder Abstraktes ausdrücken, (2) substantivierten Superlativen, und (3) Indefinitpronomen oder Zahlworten (allerlei, manches, nichts).
(1) Er hatte etwas Unbestimmtes an sich, was wir fürchteten. Wir glaubten an all das Gute, was er uns versprach.
(2) Das Schönste, was es gab, war Pudding. Der Junge war das Tollste, was ich je gesehen habe.
(3) Es gibt vieles, was ich liebe. Das ist dasselbe, was ich früher schon geschrieben habe.
Was kommt zudem zum Einsatz, wenn es sich nicht auf ein einzelnes Bezugswort, sondern auf den ganzen Satz bezieht: „Er kaufte sich einen Hummer, was seinen Freund von den Grünen maßlos ärgerte.“

… zum das

Das wird dagegen verwendet, wenn es sich auf ein Neutrum bezieht. „Es gibt ein Haus, das ich liebe.“ „Das Boot, das ich charterte, sank leider viel zu schnell.“
Das folgt auch auf ein substantiviertes Adjektiv (Partizip), das etwas Bestimmtes ausdrückt: „Das Majestätische, das diesen Vogel ausmacht.“ Auch in Verbindung mit Präpositionen wird das verwendet: „Manches, für das ich mich begeistere, entgeistert andere völlig.“ „Es gibt etwas, durch das ich mich bedroht fühle.“ Hier kann man im Übrigen auch schöner formulieren: Manches, wofür ich mich interessiere … und: Es gibt etwas, wodurch ich mich …

Gerade mit Blick auf die gestrigen Wahlen würde man sich ja wünschen, dass es gelegentlich alternativlos zuginge. Aber auch im Gebrauch von das und was gibt es theoretische Konstellationen, die der von mir beschriebenen Regelhaftigkeit entgegenstehen. Man könnte sagen: „Tim hatte ein mulmiges Gefühl, das ihn daran hinderte, nach draußen zu gehen.“ Aber auch: „Tim hatte ein mulmiges Gefühl, was ihn daran hinderte, nach draußen zu gehen.“ Im zweiten Fall geht es nicht darum zu sagen, dass das Gefühl sein Rausgehen behindert, sondern der Satz betont, dass Tim dieses Gefühl hatte.

Harte Fakten: Die Zusammenfassung am Karacho-Montag

Das
wird mit Bezug auf Neutra, substantivierte Adjektive, die etwas Bestimmtes ausdrücken, und in Verbindung mit Präpositionen eingesetzt. „Das Haus, das ich liebe“, „Das Große, das dort hinten steht“, „Etwas, durch das ich mich beeindrucken ließ“.

Was
tritt in Bezug auf substantivierte Adjektive, die Unbestimmtes ausdrücken, substantivierte Superlative und unbestimmte Pronomen oder Zahlworte in Erscheinung. „Etwas, was ich hasste“, „All das Seltsame, was es dort gab“, „Nichts, was ich schrieb, war von Interesse“.

 

Nächste Woche geht es hier um den Einsatz von Strichen aller Art. Wenn Sie den Beitrag im Montagsstress nicht verpassen wollen, melden Sie sich gerne für meinen Newsletter an, der regelmäßig – aber nicht andauernd – über neue Beiträge informiert.

Manchmal parkt der Rechtschreibfehler vorm Supermarkt: vom Kirschenessen/Kirschen essen

Mein erster Blogpost am Karacho-Montag. Warum Karacho? Weil es nach dem Wochenende ja meistens heißt: viel und schnell. Und weil einem irgendwann zum Tagesende hin auch das letzte Fitzelchen Geduld abhanden kommt, gibt es zu den Montagsartikeln immer eine kurze, knackige Zusammenfassung. Karacho eben.

Auf dem Weg zum Einkaufen sah ich folgenden Werbespruch auf einem in der Ladezone des Supermarktes stehenden LKW: „Mit uns ist gut Kirschenessen“. Hinter den Worten prangten die saftigen, roten Früchte. Auch jetzt, mitten im Februar, volle Obstkompetenz. Während des Gehens dachte ich weiter über das Wort Kirschenessen nach. Dass es selige Dörfer auf dem Lande gäbe, die im Juli oder August zu einem großen Kirschenessen einlüden – ja, das stellte ich mir gerne vor. Aber dabei geht es um das Kirschenessen*.

Mit ihm ist nicht gut Kirschen essen

Wenn jemand ein schwieriger Zeitgenosse ist, dann verwendet man die sprichwörtliche Wendung: „Mit dem/ihm ist nicht gut Kirschen essen.“ Der Infinitiv „essen“ wird hier als Verb aufgefasst, weil er von einem adverbial verwendeten Adjektiv (ohne Endung) begleitet wird.
Bleiben wir mit einem weiteren Beispiel tendenziell (Klimawandel und so) stärker im Februar: Ich möchte heute gerne Schlitten fahren. (Zum Infinitiv tritt Schlitten als Objekt des Satzes – es wird klein und getrennt geschrieben.) Das Schlittenfahren macht mir sehr viel Spaß – mit Artikel: groß. Und zuletzt: Schlittenfahren/Schlitten fahren macht mir Spaß. Da der Infinitiv hier ohne weitere Bestimmung auftritt, kann er als Verb oder Substantiv angesehen werden. Die Schreibung ist dann freigestellt.

Von Kirschen und Schlitten

Übrigens, hier noch ein kurzer Schlenker hin zur Sprichwortkunde: Es ist mehr als wahrscheinlich, dass uns eine Person, mit der nicht gut Kirschen essen ist, folgenden Satz ins Gesicht wirft: „Mit dir werde ich Schlitten fahren.“ (vgl. Duden: Der so angesprochene steht sinnbildlich für den Schlitten).

Halten wir also fest: Eigentlich kein besonders schwieriges Thema. Und trotzdem fährt der LKW nun neben allerlei Obst und Gemüse prominent einen Rechtschreibfehler durchs Land.

*Es handelt sich hier um einen substantivierten Infinitiv. Diesen erkennt man zum Beispiel am begleitenden Artikel oder einem attributiven Adjektiv (mit Endung): „[…] großen Kirschenessen“.

Harte Fakten: Die Zusammenfassung am Karacho-Montag

Mit ihm ist nicht gut Kirschen essen: Getrennt und klein. Das adverbial (also ohne Endung) verwendete Adjektiv „gut“ zeigt an, dass es sich hier um einen als Verb aufgefassten Infinitiv handelt.

Es war ein tolles Kirschenessen dieses Jahr: Zusammen und groß. Durch die Anwesenheit des attributiven (mit Endung) Adjektivs „tolles“ wird der Infinitiv hier als Substantiv aufgefasst.