David Mitchell: Der Wolkenatlas

Cloud Atlas ist eines dieser Bücher, das elegant den Spagat zwischen traditioneller Erzählung und ständiger Einbettung in Meta-Literatur und Selbstreflektion schafft. Die vielen kleineren, sich aneinanderreihenden Erzählformate erlauben verschiedene Stile und Formate, die Verknüpfungen sind mal mehr, mal weniger motiviert, nachvollziehbar und begründet – aber nie ärgerlich. Die Geschichten sind sehr stark aus literarischen Vorbildern abgeleitet, sie bilden ab und werden auch neu modelliert, es macht Spaß, ihnen von der Schifffahrt in der Südsee über die Zukunftsdystopie in ein Mad-Max-Setting zu folgen. Nichts ist ganz neu, aber alles funktioniert, wie es soll. Mitchell kann man hier vor allem als hervorragenden Handwerker mit profunden literarischen Kenntnissen und einer Liebe zum Erzählen erleben. Das Buch ist es in jedem Fall wert, gelesen zu werden. Auch wenn es mir weder in seiner Ästhetik noch seiner Poetologie als Werk von außerordentlichem Rang oder nachhaltiger Wichtigkeit erscheint, ist es sehr unterhaltsam, sich in die sich entfaltenden Welten zu begeben und diese zu erleben.

Rainald Goetz: Johann Holtrop

Den Drive des von ihm selbst gelesenen SWR-Hörstücks erreicht Goetz’ Holtrop beim Lesen zwar nicht, aber dies hat mich nicht gestört (und seine Stimme blieb im Kopf, auch später beim eigenen Lesen noch). Während es in der Hörspielfassung beinahe linear um Johann Holtrop – und die Begleitung von Aufstieg und Fall des Protagonisten geht – zeichnet das Buch auch Nebenwege nach, beleuchtet das Wirtschaftsumfeld. Es ist eine gewisse Kälte und Verachtung zu spüren, aber keine, die sich im bloßen Abkanzeln der Figuren erschöpfte. Man hat eher den Eindruck, dass Goetz ein Phänomen erfasst und seziert, das zwar präsent, in seiner ganzen schillernden wie hemmungslos verblödeten Art aber schon etwas her ist. Es ist also schon der Blick zurück, das kühle wie kühne Herantreten an einen Stoff, der schon Zeitgeschichte ist. Es ist auch eine Sprache, die sich einfühlt, aber trotzdem bei sich selbst bleibt. Sie dienert nicht herum, sie zeigt sich aber auch nicht abgeneigt den sprachlichen Wucherungen der Wirtschaft gegenüber. Tollste Neologismen wie Toploserfiguren zeugen von dem produktiven Verhältnis, das Text- und Wirklichkeitssprache hier eingehen. Letztendlich bleibt Holtrop, der Karrierist und Vorzeigemanager bei allem ein Mensch, dem ganz normale Missgeschicke passieren und dem man nah sein kann, wenn man das will. Ja, so emphatisch wie dem nächsten alkoholkranken Kommissar oder psychisch gestörten Wundergenie wird man sich der Figur nicht annähern können. Aber egal wie man zu Johann Holtrop steht, das Buch ist in seiner Größe und Präsenz etwas, an dem man nicht vorbeikommt, wenn man sich für wirklich relevante Gegenwartsliteratur interessiert. Und es ist schade, dass es von solchen Titeln aktuell viel zu wenige in der deutschsprachigen Literatur gibt.

Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen

Eigentlich müssten wir gähnen

Heinz Helle entwirft in „Eigentlich müssten wir tanzen“ ein apokalyptisches Szenario für fünf Hauptfiguren, Jugendfreunde, die in einer von ihnen für das Wochenende bezogenen Berghütte ein wie auch immer geartetes Inferno überleben. Mit der Bewegung der Figuren durch die versehrte Welt des Romans verkleinert sich nach und nach die Zahl der Protagonisten, der Weg ist ziellos und schließlich zirkulär. Mit dieser ungerichteten Bewegung der jungen Männer, diesem „Wir wissen nicht warum, aber wir müssen gehen“ deutet sich zunächst eine interessante Perspektive auf das Endzeitgenre an, das ja voll ist von Figuren, die von einem Ziel angetrieben sind, einer Hoffnung folgen, auf dem Weg zu ihrem Sehnsuchtsort. Dies alles gibt es bei Helle nicht. Die Figuren existieren – das ist ihr einziger Verdienst – und sie versuchen so gut oder schlecht wie jeder andere auch, längstmöglich zu überleben.

Der Text ist handwerklich gut geschrieben, er liest sich, auch wegen der Portionierung in kleine Kapitel, zügig, man will weiterlesen, auch wenn keine Spannung im klassischen Sinne aufkommt. Helle blendet die Grausamkeiten sprachlich aus und überlässt sie dem Geiste des Lesers. Diesen recht angenehmen Zug einer nicht nach dem reinen Provokationspotenzial gierenden Literatur, konterkariert allerdings das Porno-Moment des Textes. Die detailgetreue Rekonstruktion einer Pornoszene trägt jedenfalls nicht zur Grundierung oder Erhellung des betreffenden Charakters bei, ihr liegt kein eigener poetischer Wert inne. Man hat eher das Gefühl, dass sie bei der hier zu erzählenden Männer-Generation „dabei sein muss“. In diesem Moment textlicher Kontingenz zeichnet sich deutlich das generelle Problem des Textes ab: Die Lakonie des Ziellosen schafft es nicht, einen eigenständigen Drang, eine poetische Dringlichkeit zu entwickeln. Helle schreibt gut, das steht außer Frage, aber es findet sich zu wenig hinter diesem soliden Handwerk. Noch dazu gerät das Geschehen, in dem die Protagonisten wie bei einem Abzählreim nach und nach erwartbar auf der Strecke bleiben, sehr schnell zurück in den unbeweglichen Panzer des Konventionellen.

Es gibt innerhalb dieser starren narrativen Strukturen keine Geschichte und kein Anliegen, Helles Text schafft es nicht, einen Moment der Präsenz über das eigentliche Lesen hinaus zu schaffen. In all der Lakonie fehlt etwas Echtes, man hat das Gefühl, ständig auf eine graue Welt aus Pappmaschee, eine Kulissenansammlung, zu schauen. Es ist nichts falsch in diesem Text, es ist alles glaubhaft – aber das reicht leider nicht. Gerade wenn der Text versucht witzig zu sein, ist es immer eine abgeklärte, coole Art von Witzigkeit, der gerade deshalb der Humor abgeht, weil sie nichts riskiert, weil sie besonders smart sein will. Dies ließe sich auf den ganzen Text übertragen: Er führt zu nichts, weil er verkrampft versucht, bereits Dagewesenes zu umgehen. Weder in seiner Textwelt, noch im Kopf des Lesers passiert jedoch auf diese Weise etwas. Was bleibt, ist kein Ärger, es ist noch nicht mal die Langeweile-Polemik meiner Überschrift: Es ist einfach ein „Ja, gut“-Achselzucken, mit dem man sich dem nächsten Buch zuwendet, es ist diese Art mit der heute Bücher geschrieben werden, die, beabsichtigt oder nicht, nichts Großes mehr sein wollen, sich scheuen, in einer festen Position angreifbar zu machen – und genau diese defensive Unentschiedenheit nur leider allzu ernst nehmen.

Werner Bräunig: Gewöhnliche Leute

Gerade mitten in der Lektüre von Werner Bräunig – „Gewöhnliche Leute“, Erzählungen. Rummelplatz, sein Roman, kommt noch mit der Post. Die Erzählungen kreisen um ähnliche Fragen, sie arbeiten sich an ähnlichen Problemen, an gleichen Konstellationen ab. Meist geht es aus von einem Verhältnis oder einer Entwicklung zwischen Frau und Mann. Es gibt Ausflüge in die Natur, Probleme auf Arbeit, mit den Verfahren, der Planerfüllung. Trotzdem, auch wenn man kurz denkt: kenn ich doch schon, kommt wieder ein schmaler Zug, der etwas Neues einbringt. Besonders in den Arbeitsszenen reicht die Betrachtung, ohne dass es Bräunig propagieren würde, über das subjektive Einzelproblem hinaus. Immer geht es um das große Ganze, die Zukunft. Das Überindividuelle. Die Texte sind unglaublich nah an ihren Protagonisten und sie beziehen ihre Kraft allein aus der Darstellung der Personen. Abschweifungen oder längere Gedanken funktionieren hier weniger, man will weiter sein mit der Tätigkeit der Charaktere. Das alles kommt mit einer Art von realistischem Schreibverständnis daher, mit dem Abbild einer Lebenswelt: den Baustellen, den Baugruben, den Neubauten. Vieles wird ausgesprochen, manches angedeutet. Man merkt Bräunigs Texten an, dass er sie gelebt hat. Es gibt keinen aufgesetzten Recherchecharakter. Das alles kommt von ihm, aus der Erfahrung. Und ist dazu noch unaufdringlich gut geschrieben, einfach gut erzählt. Ich kann mir vorstellen, dass das manchem zu brav, zu wenig avantgardistisch, zu wenig Kunst ist. Mir ist es genug.

Samstag, elfter April 2015

Gerade Franzens Freedom fertiggelesen, zwischendurch an die Corrections gedacht, bei Perlentaucher, in einem Moment textlicher Zähigkeit, die nicht einheitlich begeisterten Kritiken gelesen. Trotzdem: wieder unendlich beeindruckt. Was ich bei den heutigen Russen nicht mehr sehe, den großen, realistischen, klugen Gesellschaftsroman, finde ich bei den Amerikanern. Vielleicht gefällt es mir gerade deshalb so gut, weil ich selbst stets die Phantastik, die Flucht ins Magische und Groteske für meine eigenen Texte vorziehe.1 Weil man sich in den Defekten der Figuren wiederfinden, die Genese von Persönlichkeiten erleben kann. Weil man für 100 Seiten vergisst, dass es einen Autor hinter dem ganzen Geschehen gibt und die Figuren nicht von allein so organisch miteinander umgehen. Natürlich gibt es Kritikpunkte. Ich habe weniger gelacht, es war eine ernstere Art der Absurditäten, die das Buch durchziehen. Andere kleine Abstriche erscheinen mir im Nachhinein nicht wichtig, weil mich das Buch überzeugt und wie schon die Corrections überwältigt hat.

So war das zuletzt nur bei Knausgard, und etwas abgeschwächter bei DeLillos Underworld. Dabei hatte ich Franzen nur als Einschub in Johnsons Jahrestage vorgesehen, die ich zwar ungemein klassisch erzählt finde, aber zu spröde und hart, um sie in einem Durchgang weglesen zu können. Nun aber zurück nach Mecklenburg, New York.

1 Es wäre nun denkbar, eine große Debatte im Sinne Franzens über die Freiheit zu führen: Ob Sorokin, Pelevin, Jurjew usw. systembedingt phantastisch schreiben. Aber dies ist an dieser Stelle unnötig.