Ende des Bienenjahres

Zum Herbstanfang ein Text aus dem September 2011. Ich habe damals ein Jahr als Probeimker absolviert bei dem leider im August 2017 verstorbenen Imker Martin Platz in seinem Kleingarten zwischen Priesterweg und Südkreuz. Es war ein schönes und lehrreiches Jahr, und Martins ruhige und freundliche Art hat sich auch auf uns, drei Probeimker und eine Probeimkerin, wie auch auf die Bienenvölker übertragen.

Das Rad hat platte Reifen und ich pumpe sie auf, mit Spinnenweben um den Kopf. Diverse verschobene Ausfahrten drängen herauf, das Shirt spannt um den Bauch, aber heute gilt es. Einzelne Wolken schieben sich an der Sonne vorbei, es geht ein leichter Wind. Die Straßen sind mäßig gefüllt, es fährt sich eigentlich leicht, nur die Beine sind etwas schwer. Vor den Gärten sind noch einige Plätze frei zum Parken, nie hätte es das im Juli gegeben. Polternd rollen die Räder über Kopfsteinpflaster, in der Ferne bellen Hunde oder Menschen. Die hohen Kastanien tragen schwere, grüne Früchte und erst am Boden platzt die glatte Bräune aus ihren springenden Häuten, auf Autodächern zerschellen sie, zertreten werden sie, zerfahren und manchmal auch zerbastelt von unerfahrener Kinderhand.
Die Gartenpforte quietscht wie eh und je, zwei Gärten weiter weht die Deutschlandflagge. Wo immer das grüne Herz auch ist, ein bisschen hört man seinen Schlag auch hier. Leer sind die Kirschbäume, leer sind die Zwetschgenbäume, nur unter dem Apfelbaum ruht ein Sack voll fauliger Früchte. Darüber aber, voll und schwer, die großen, grünen Äpfel, darauf sind rote Passagen. Der Quittenbaum ist ebenso übervoll, er droht zu knicken. Vor den Bienenstöcken summt es leicht und träge, nur die sterbenden Insekten äußern sich qualvoller, lauter; Jungbienen, geschlüpft in Ameisensäure gegen die blutsaugenden Milben. Ein wahrer Horror in den Stöcken, wir hören nur einen schwachen Nachhall, wir wissen davon aus Büchern, auch durch unseren Blick von oben. Und darüber schweben noch die Wespen mit aggressivem Gestus, sie stürzen hinab auf die Sterbenden, ziehen mit ihnen davon, zerlegen sie. Und auf dem Boden finden wir dann Köpfe, Beine und Fühler. Es gibt sonst nichts mehr zu tun vor dem Winter. Wir wiegen und füttern, wo es sein muss, sonst tränken wir die Löffel in Honig und schmieden große Pläne. Im Gartenhäuschen zischt die Kaffeemaschine, wir folgen ihrem Klang nur zu gern, setzen uns vor Teller mit Schokoladenkuchen darauf, sinnieren über das Vergangene und was da kommen mag. Es blüht noch ein wenig, aber es sind die letzten Blüten, da kommt nichts mehr. Es ist Sonne im Garten und eine ganz angenehme Temperatur, man könnte Altweibersommer sagen; solch ein verschwommener, eingesponnener Begriff reichte ja völlig dafür aus, die Dinge zu verstehen, die Dinge wiederzuerkennen, ohne wissenschaftliche Erklärung, ohne kalendarisches Datum. Altweibersommer: Und wir denken an funkelnde Spinnennetze und alte Frauenbeine, an das sich färbende Laub. Aber hier in den Gärten der Stadt gibt es keinen wildromantischen Altweibersommer, hier trohnt der Mensch und schafft sich Sommer wie er sie braucht, wie er sie will. Irgendwo wird noch mal Grillgut aufgelegt, wie schon so oft in diesem Jahr. Ein letztes, großes Zusammentreffen vor der Winterruhe. Wenn wir könnten, wenn wir dürften, würden wir uns wie die Bienen in eine große Traube hängen und uns wärmen, bis wir vor Erschöpfung sterben. Aber wir haben Schneemänner, wir haben Schlitten und wir haben Räumfahrzeuge. Die Bahn fährt schlecht im Winter, aber manchmal fährt sie. Darum ist für uns das Ende des Bienenjahres nur der Anfang des neuen Bienenjahres, ganz so wie es mit allen Jahren geht. Wir brauchen kein Feuerwerk; wir wissen, wenn das letzte Glas Honig leergeschleckt ist, wird es Zeit für ein neues Jahr, für die neue Ernte, für das Aufbrausen der Völker. Wir geben uns die Hände, sie sind nicht schwielig, gearbeitet haben wir, aber wir waren viele.

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