Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen

Eigentlich müssten wir gähnen

Heinz Helle entwirft in „Eigentlich müssten wir tanzen“ ein apokalyptisches Szenario für fünf Hauptfiguren, Jugendfreunde, die in einer von ihnen für das Wochenende bezogenen Berghütte ein wie auch immer geartetes Inferno überleben. Mit der Bewegung der Figuren durch die versehrte Welt des Romans verkleinert sich nach und nach die Zahl der Protagonisten, der Weg ist ziellos und schließlich zirkulär. Mit dieser ungerichteten Bewegung der jungen Männer, diesem „Wir wissen nicht warum, aber wir müssen gehen“ deutet sich zunächst eine interessante Perspektive auf das Endzeitgenre an, das ja voll ist von Figuren, die von einem Ziel angetrieben sind, einer Hoffnung folgen, auf dem Weg zu ihrem Sehnsuchtsort. Dies alles gibt es bei Helle nicht. Die Figuren existieren – das ist ihr einziger Verdienst – und sie versuchen so gut oder schlecht wie jeder andere auch, längstmöglich zu überleben.

Der Text ist handwerklich gut geschrieben, er liest sich, auch wegen der Portionierung in kleine Kapitel, zügig, man will weiterlesen, auch wenn keine Spannung im klassischen Sinne aufkommt. Helle blendet die Grausamkeiten sprachlich aus und überlässt sie dem Geiste des Lesers. Diesen recht angenehmen Zug einer nicht nach dem reinen Provokationspotenzial gierenden Literatur, konterkariert allerdings das Porno-Moment des Textes. Die detailgetreue Rekonstruktion einer Pornoszene trägt jedenfalls nicht zur Grundierung oder Erhellung des betreffenden Charakters bei, ihr liegt kein eigener poetischer Wert inne. Man hat eher das Gefühl, dass sie bei der hier zu erzählenden Männer-Generation „dabei sein muss“. In diesem Moment textlicher Kontingenz zeichnet sich deutlich das generelle Problem des Textes ab: Die Lakonie des Ziellosen schafft es nicht, einen eigenständigen Drang, eine poetische Dringlichkeit zu entwickeln. Helle schreibt gut, das steht außer Frage, aber es findet sich zu wenig hinter diesem soliden Handwerk. Noch dazu gerät das Geschehen, in dem die Protagonisten wie bei einem Abzählreim nach und nach erwartbar auf der Strecke bleiben, sehr schnell zurück in den unbeweglichen Panzer des Konventionellen.

Es gibt innerhalb dieser starren narrativen Strukturen keine Geschichte und kein Anliegen, Helles Text schafft es nicht, einen Moment der Präsenz über das eigentliche Lesen hinaus zu schaffen. In all der Lakonie fehlt etwas Echtes, man hat das Gefühl, ständig auf eine graue Welt aus Pappmaschee, eine Kulissenansammlung, zu schauen. Es ist nichts falsch in diesem Text, es ist alles glaubhaft – aber das reicht leider nicht. Gerade wenn der Text versucht witzig zu sein, ist es immer eine abgeklärte, coole Art von Witzigkeit, der gerade deshalb der Humor abgeht, weil sie nichts riskiert, weil sie besonders smart sein will. Dies ließe sich auf den ganzen Text übertragen: Er führt zu nichts, weil er verkrampft versucht, bereits Dagewesenes zu umgehen. Weder in seiner Textwelt, noch im Kopf des Lesers passiert jedoch auf diese Weise etwas. Was bleibt, ist kein Ärger, es ist noch nicht mal die Langeweile-Polemik meiner Überschrift: Es ist einfach ein „Ja, gut“-Achselzucken, mit dem man sich dem nächsten Buch zuwendet, es ist diese Art mit der heute Bücher geschrieben werden, die, beabsichtigt oder nicht, nichts Großes mehr sein wollen, sich scheuen, in einer festen Position angreifbar zu machen – und genau diese defensive Unentschiedenheit nur leider allzu ernst nehmen.

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