Rainald Goetz: Johann Holtrop

Den Drive des von ihm selbst gelesenen SWR-Hörstücks erreicht Goetz’ Holtrop beim Lesen zwar nicht, aber dies hat mich nicht gestört (und seine Stimme blieb im Kopf, auch später beim eigenen Lesen noch). Während es in der Hörspielfassung beinahe linear um Johann Holtrop – und die Begleitung von Aufstieg und Fall des Protagonisten geht – zeichnet das Buch auch Nebenwege nach, beleuchtet das Wirtschaftsumfeld. Es ist eine gewisse Kälte und Verachtung zu spüren, aber keine, die sich im bloßen Abkanzeln der Figuren erschöpfte. Man hat eher den Eindruck, dass Goetz ein Phänomen erfasst und seziert, das zwar präsent, in seiner ganzen schillernden wie hemmungslos verblödeten Art aber schon etwas her ist. Es ist also schon der Blick zurück, das kühle wie kühne Herantreten an einen Stoff, der schon Zeitgeschichte ist. Es ist auch eine Sprache, die sich einfühlt, aber trotzdem bei sich selbst bleibt. Sie dienert nicht herum, sie zeigt sich aber auch nicht abgeneigt den sprachlichen Wucherungen der Wirtschaft gegenüber. Tollste Neologismen wie Toploserfiguren zeugen von dem produktiven Verhältnis, das Text- und Wirklichkeitssprache hier eingehen. Letztendlich bleibt Holtrop, der Karrierist und Vorzeigemanager bei allem ein Mensch, dem ganz normale Missgeschicke passieren und dem man nah sein kann, wenn man das will. Ja, so emphatisch wie dem nächsten alkoholkranken Kommissar oder psychisch gestörten Wundergenie wird man sich der Figur nicht annähern können. Aber egal wie man zu Johann Holtrop steht, das Buch ist in seiner Größe und Präsenz etwas, an dem man nicht vorbeikommt, wenn man sich für wirklich relevante Gegenwartsliteratur interessiert. Und es ist schade, dass es von solchen Titeln aktuell viel zu wenige in der deutschsprachigen Literatur gibt.

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