#Wald 1

Ich erzähle mal was vom Raudenbach, von dem ich immer dachte, er hieße Rautenbach. Aber ich habe nachgeschlagen, der Name kommt von der Rauda, deren Oberlauf eben jener Raudenbach ist, der bei uns durch das Grundstück floß. Ihr seht schon, wir hatten den Wald, den Bach, die Autobahn. Man muss sich uns als glückliche Kinder vorstellen.
Im Raudenbach gab es Ratten, Wasserratten, dreißig Zentimeter lang. Nachts konnte man manchmal hören, wie sie mit den Katzen kämpften. Tagsüber versteckten sie sich in einer Röhre, durch die der Raudenbach das angrenzende Grundstück des ehemaligen Kinos durchfloss. Ab und an wateten wir durch die Röhre, mit Stöcken bewaffnet, aber die Ratten zogen sich zurück, auch wenn wir wahrscheinlich noch größere Angst hatten als sie. André, einer der Jungen aus dem Haus neben dem unseren, hatte davon erzählt, dass einem die Ratten an den Hals sprängen, um ihn dort zu durchbeißen. Fische gab es keine im Raudenbach. Er war auch ziemlich verschmutzt. An manchen Tagen roch das Wasser wie eine einzige Kloake; je nachdem, was auf dem nahen, stromaufwärts gelegenen Bauernhof passierte, war das Wasser mal milchig-trüb, mal rot von Blut. Ich weiß nicht, was der Bauernhof mit seinen Abwässern anstellte, wie die Jauchegruben geleert wurden. Der Bauerssohn erzählte mir jedenfalls, dass schon etliche Katzen in den Jauchegruben gestorben waren. Und auch meine Eltern hatten mir erzählt, dass man ertrank, weil man durch die Gase ohnmächtig wurde. Ich hatte Angst vor Jauchegruben, wirkliche Angst. Aber bei dem Bauernsohn, der immer nach Zigarettenrauch und Mist roch, den kaum jemand leiden konnte, eben weil er stank, konnte man in der rauchigen Küche „Nintendo DS World Soccer“ spielen. Wir waren auch oft auf dem Heuboden oder bauten uns Buden über dem Stall – aber der Nintendo DS ließ uns regelmäßig zurückkehren. Später, in der Schule, würgte mich der Bauerssohn dann. Er ritt auch ein Schwein kaputt, denn er war nicht besonders dünn. Das Tier brach sich beide Beine und musste dann notgeschlachtet werden. Aber davor war bei uns alles in Ordnung – und später habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich hatte damals so wenig Rückgrat wie heute, sonst hätte ich den Klauauflauf wohl verhindert oder wäre einfach nicht mitgegangen, aber, auch ohne Boulevardpresse, waren wir damals schon unglaublich sensationslüstern. Ach so, ja, der Klauauflauf hatte etwas mit dem Bauerssohn zu tun natürlich, Moment. Fiete Schnöck, das war sein Name, hatte es sich schon in der Grundschule mit den meisten verdorben. Warum, und ob er wirklich etwas dafür konnte, weiß ich bis heute nicht. Das habe ich damals einfach noch nicht durchschauen können. Man hat, wenn man mit anderen Kindern Gruppendynamiken erlebt, noch keinen atmosphärischen Sinn, da empfindet man noch nicht die feinen, psychologischen Erschütterungen, sondern man kriegt nur mit, was an brachialem Geschehen am Ende steht. Man kann die Eruptionen sehen, die Ausbrüche, man kann sie zählen und aneinanderreihen, mehr aber nicht. Fiete Schnöcks Eruptionen waren diese: Einmal schmiss er einen anderen Schüler durch die Glastür, weil er glaubte, der habe auf seine Bücher geschissen. Es war aber ein anderer gewesen, der die Schulbücher ins Klo gelegt und draufgekackt hatte. Dann gab es regelmäßig Prügeleien, in denen Fiete selten direkt gegen einen anderen Schüler kämpfte, denn er war ziemlich kräftig. Wie ein gehetztes Tier stand er in der Mitte eines Kreises, aus dem heraus er getreten und geschlagen wurde. Wie eine Furie schlug er um sich und hielt die Angreifer auf Abstand. Ich habe zwar nicht aktiv mitgemacht, vielleicht ein- oder zweimal, aber ich habe auch nie versucht, ihm zu helfen. Und so verhielt es sich auch mit dem Klauauflauf. Der unbeliebte Fiete war in Anke Zerners Spielstube gewesen. Damals hatte es noch keinen Globus gegeben und kein Brückencenter, es gab kleinere Läden wie das Schuhhaus Zipfel und Petras Getränkeshop. Anke Zerner hatte den Spielzeugladen, indem man auch Schreibwaren kaufen konnte. Fiete war also im Laden gewesen und dann, ohne etwas zu kaufen, wieder herausgekommen. Das hatte irgendwer gesehen und vermeintlich auch, dass Fiete etwas geklaut hatte. Also rief er: „Schnöck hat geklaut“, und Fiete, dem die Sache wohl nicht geheuer war, begann zu laufen. Das wirkte wie ein Schuldeingeständnis. Die Nachricht war ein Lauffeuer, das durch den Ort ging; und jedes Kind, das in die Nähe kam, saugte das Gerücht auf und blieb an dem Auflauf haften. Man wollte ja sehen, wie die Sache ausging. Auch ich selbst war plötzlich dabei und wir, zwanzig oder dreißig Kinder, liefen hinter Fiete her und schrien „Schnöck hat geklaut, Schnöck hat geklaut, Schnöck hat geklaut“. Ab und an gab es kleine Ausbrüche aus der Gruppe, kurze Verfolgungsjagden. Schnöck schlug Haken und wich aus, sie kriegten ihn nicht. Wir folgten ihm bis zu einem Wohnhaus. Dort klingelte er und verschwand. Ein paar Minuten später tauchte der Kopf einer Frau im ersten Stock im Fenster auf. Es war seine Tante. „Schämt ihr euch denn gar nicht?“, rief sie. Einer schrie: „Nee, er hat ja geklaut“. Aber ich schämte mich doch. Wie gesagt: Zwischen Fiete und mir war danach einfach nichts mehr los. Ich habe gehört, er sei Koch geworden.

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